Tag 179 bis 196 – Geschafft!

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Route von Würzburg nach Berlin

Kilometer: 737,59

Fahrzeit:

Ækm/h: 12,0

Insgesamt: 7.221,05 km

Wetter: kalt

Location/Biwak/Camp: Berlin

Gott sprach: „Es werde Licht!“ und es ward Licht. Nicht so in Berlin. Obwohl die Stadt wg. des Festival of Lights in allen möglichen Farben beleuchtet ist bzw. leuchtet, interessieren sich die Fahrradfahrer überhaupt nicht dafür, daran teilzuhaben. In schwarzen Klamotten, ohne Beleuchtung, ohne Helm herrscht hier die absolute Anarchie. Daran muss ich mich erstmal wieder gewöhnen. Ebenso an den Verkehr. In Berlin treffen die dümmsten Fahrradfahrer der Welt auf die dümmsten Taxifahrer der Welt. Was unweigerlich ein 24-Stunden-Chaos verursacht. Trotzdem passiert relativ wenig. Über Berlin kreisen die Schutzengel im Tiefflug; anders kann ich mir das nicht erklären.

Yes, I did it! Nach über 7.200 km bin ich wieder zu Hause. Ich muss mir mein Essen nicht mehr mit Ameisen und Igeln teilen, kann wieder jeden Tag duschen, Nachrichten schauen und einfach den Pizza-Service kommen lassen, wenn ich Hunger habe. Doch der Reihe nach! An meinem letzten Tag in Würzburg stellte ich fest, dass der Rahmen des Tretrollers vorne links gebrochen war. Er hielt noch bis Berlin, aber leider sind weitere Touren damit kaum machbar. Als ich einige Tage später aus Bamberg rausfahren wollte, musste ich einige Bahngleise bei Regen kreuzen. Eigentlich kein Problem für jemanden, der in einer Stadt mit Straßenbahn aufgewachsen ist. Also im rechten Winkel angepeilt und zügig rüber. Klatsch lag ich da! Ergebnis: rechtes Knie und Bein aufgescheuert und stark blutend, rechter Arm aufgescheuert, Prellung an beiden Schultern, linkes Handgelenk verstaucht – kein sicheres Greifen mehr möglich, Kopfschmerzen mit Sehstörungen (leichte Gehirnerschütterung) und der Helm hat sich für immer von mir verabschiedet (Totalschaden). Liebe Kinder: Immer nur mit Helm fahren!!! Onkel Peter wäre ohne Helm plemplem geworden … Na ja, das führen wir jetzt nicht weiter aus. Tretroller kaputt, ich kaputt – nicht die besten Voraussetzungen für die letzten 600 km. Aber was soll’s – aufgeben, rumjammern oder mit dem Zug fahren hilft auch nichts. Einen Tag Pause in einem Hotel eingelegt und schon ging es weiter nach Thüringen und entlang der Saale, bis ich wieder auf den R 1 Radweg traf, der mich sicher nach Berlin gebracht hat. Alles etwas langsamer als gewohnt aber ohne weitere Schwierigkeiten. Der Grund für das späte Schreiben dieses letzten Blogs, ist allerdings nur bedingt eine Folge des Sturzes. Die Hand schmerzt immer noch, aber kurz nach meiner Ankunft musste mir ein Zahn gezogen werden, der kurz vor dem Explodieren war. Sündenfrei und zahnlos laufe ich derzeit mit bandagierter linker Hand durch Berlin und plane den nächsten Coup: Mit dem Fahrrad zum Nordkap und die Umrundung von Nord- und Ostsee in einer Saison www.bikehard.de.

Erkenntnis des Tages: Dein Leben ist eine Reise, deine Empfindungen sind deine Landkarte, dein Körper ist dein Fahrzeug. (Sébastien Foucan – Erfinder des Free-Running bzw. Parcour)

Tag 168 bis 178 – Gutes Timing

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Route von Speyer nach Würzburg
Kilometer: 87,07
Fahrzeit: 6:46:06
km/h: 12,8

Insgesamt: 6.483 km
Wetter: Sonne
Location/Biwak/Camp: Würzburg

Bis jetzt hatte ich immer Glück mit dem Timing. In der Vorsaison durch Frankreich und Spanien und in der günstigeren Nachsaison durch Deutschland. Um das Ganze perfekt zu machen, bin ich jetzt zur Federweißenzeit (hier übrigens Bremser genannt) in den besten deutschen Weingebieten (ähm – ein bisschen Lokalpatriotismus muss einfach sein). In fast jeder Kneipe bzw. Restaurant bekommt man dieses süße „Abfallprodukt“ der Weinherstellung. Lässt sich trinken wie Limonade, wirkt wie Starkbier und macht angeblich eine schöne Haut.
In den letzten Tagen hatte ich wunderschönes Herbstwetter. Ab Mittags konnte ich sogar nur noch im T-Shirt fahren, während die „Einheimischen“ bis zum Ohrläppchen eingepackt sind. Allerdings ist es nachts max. 4 Grad warm … sehr ungemütlich, da das Zelt ständig nass ist und alle Klamotten irgendwie klamm. Ich habe mich noch nie so sehr auf eine Waschmaschine gefreut! Nur noch knapp 800 km bis Berlin! Die Entscheidung den Rhein und den Main entlang zu fahren hat sich auf jeden Fall gelohnt. Keine Steigungen, optimale Tagesetappen und bestes Wetter.
Ich bin wieder Pilger!
Nach der Pleite in Burgos (siehe Blog) holte ich mir auf dem Käppele in Würzburg meinen Pilgerstempel ab. Da es sich um ein Franziskanerkloster handelt, bekam ich als „echter Pilger“ ein sog. Almosen von 5,00 €! Wow – Wer hätte das gedacht, dass alte Traditionen noch leben.
Erkenntnis des Tages: Wo haben die hier nur diese Röhrenjeans her? Die waren schon out, als ich noch in Würzburg gewohnt habe!

Tag 139 bis 150 – 5.000 km mit dem Tretroller auf dem Jakobsweg

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Route von Auch nach Le Puy en Veley

Kilometer: 61,61

Fahrzeit:4:32:40

Ækm/h: 13,5

Insgesamt: 5.168 km

Wetter: Sonne

Location/Biwak/Camp: Le Puy

Seit Tagen versuche ich an einer Tankstelle meine Reifen aufzupumpen. Normalerweise nehme ich die Luftpumpe dafür, aber manchmal möchte ich doch wissen, ob ich den richtigen Luftdruck drauf habe. Denkste! Entweder gibt es gar keine Luftdruckeinrichtung oder man muss einen Euro dafür bezahlen oder die Dinger sind kaputt. Wie pumpen die Franzosen eigentlich ihre Autoreifen auf? An jeder Tanke hatte ich dasselbe Problem. Ein echter Franzose zieht einmal kräftig an seiner Zigarette, pumpt den Reifen mit dem Mund auf, pinkelt in den Tank, fährt weiter und meldet sich bei der Fremdenlegion. Anders kann ich mir den Mangel an „Luftdruck“ nicht erklären …

Der Anschlag

Ich habe den Silvesterböller noch auf die Straße fliegen sehen. So konnte ich mich zumindest psychisch auf einen lauten Knall einstellen. Trotzdem bin ich weitergefahren und direkt neben mir hat es dann auch extrem lauf geknallt. Der Böller wurde aus einem Kleinlaster in Montauban gezielt auf mich geworfen. Dumm nur, dass die kommende Ampel auf Rot umgeschaltet hat. Mit viel zu viel Adrenalin im Blut, habe ich sie auf der Gegenfahrbahn eingeholt. Sie versuchten noch die zweite Spur zu nehmen – keine Chance! Bei 30 Grad (!) im Schatten wurden sofort alle Fenster hochgekurbelt und mich guckten drei Idioten etwas bedröppelt an. Laut brüllend (das kann ich richtig gut) hatte ich sofort die gesamte Aufmerksamkeit des Dorfes. Der laute Knall zuvor erklärte auch sofort die Situation. Aber Drei waren auch mir zu viel – nicht wirklich klug von mir … Wer nun vor wem Angst hatte bleibt dahingestellt, aber wenigsten bin ich meine Wut sofort losgeworden. Leider unterscheidet sich Frankreich hier in keiner Weise von allen anderen Ländern: In Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit haben die Menschen halt nur Sch… im Kopf. Fragt sich, was zu erst da war, die Henne oder das Ei?

In Caylus machte ich einen gezielten Stop, um mir die dortige kleine Kunstszene anzuschauen. Im ArtHouse Caylus fand ich einige Ideen für mein Anderes Leben. John und Grete McNorten führen hier ein Museum der Keramikkünstler Alan und Ruth Barret-Danes, geben Kurse und begleiten Künstler bei ihrer Arbeit. Lohnenswert!!!

Seit einigen Tagen treffe ich im Aubrac auch wieder Pilger. Klar, sie kommen mir immer noch entgegen und zweifeln an meinem Verstand, einen Tretroller die Berge hochzuschieben. In Le Puy en Velay angekommen, holten ich mir den Stempel für die Jakobspilger. Hier „beginnt“ der GR 65, der landschaftlich schönste Teil des gesamten Jakobsweges. Wer den nicht gemacht hat, war nie richtig pilgern …

Erkenntnis des Tages: Hier schließt sich der Kreis, denn 2004 musste ich hier wegen eines Rahmenbruchs am Fahrrad leider die Tour abbrechen.

Tag 124 bis 138 – Materialermüdung II

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Route von Tiebas bei Pamplona nach Auch in Frankreich

Kilometer: 38,20

Fahrzeit: 2:39:54

Ækm/h: 14,3

Insgesamt: 4.760 km

Wetter: alles

Location/Biwak/Camp: Auch (F)

Ich kann verstehen, warum manche Jakobspilger lieber über den längeren und schwierigeren Somport-Pass gehen. Er ist landschaftlich der Schönere. Im Gegensatz zu Ronceval hat man hier keinen Tunnelblick durch dichten Wald, sondern – gutes Wetter vorausgesetzt – eine herrliche Fernsicht. Ich wollte den Foto gar nicht mehr aus der Hand nehmen. Die erste größere Stadt in Spanien ist gemütlich und man kann hier fehlendes Equipment nachkaufen. Im Gegensatz zu Pamplona, das einen mit einem Industriegebiet begrüßt. Auch ich nutzte Jaca – allerdings als letzte spanische Stadt – um mir eine neue Speiche zu besorgen. Schon vor einigen Tagen hörte ich ein komisches Knacken. Leider konnte ich es nicht zuordnen. Ich bin also mindestens 80 km mit gebrochener Speiche gefahren. Beim routinemäßigen Aufpumpen der Reifen bemerkte ich dann das Dilemma. Dummerweise hat der Tretrollerreifen das eher exotische Maß von 26,0 inch statt 26,5 inch. Also musste mir der Taller (so nennt man hier die Bastler) im Fahrradladen eine Speiche kürzen. Hätte ich selbst nicht machen können, da mir Zange und Elektroschleifer fehlten, um das Gewinde wieder funktionsfähig zu machen. Als der meinen Tretroller sah, bekam ich eine große und die gekürzte kleinere Speiche umsonst. Weitere fast 150 km fuhr ich also ohne Speiche Richtung Pau in Frankreich. In freudiger Erwartung einer nächsten Panne, diesmal war das Ventil kaputt, baute ich auch erst dann die neue Speiche ein. Passt genau zusammen mit einem weiteren neuen Schlauch. Langsam aber sicher nervt es, die Fehler von anderen auszubaden! So konnte ich dann wieder die Pyrenäen runterkacheln ohne bei  jeder Bodenwelle die Luft anzuhalten und mich geistig auf einen Totalcrash vorzubereiten. Den Somport-Pass empfand ich als Spaziergang. Gut gelaunt und bei bester Kondition bin ich die 1.640 m den Tretroller schiebend raufgerannt. Das war dann wohl etwas zu viel für mich … denn in Pau war die Luft endgültig raus. Nichts ging mehr. Keine Kraft mehr in den Beinen. Eine dringende Pause von mindestens fünf Tagen war genau das Richtige für mich. Bei dieser Gelegenheit warf ich auch gleich noch mein gutes Merinowolle-Shirt in den Abfalleimer. Es bestand eigentlich nur noch aus Löchern. Wahrscheinlich hat es die ständige Handwäsche nicht vertragen. Es ist zwar richtig, dass Merinowolle nicht so schnell riecht, wie synthetisches Gewebe; aber wie immer trifft auch diese Regel nicht für Tretrollerfahrer zu. Bereits nach 20 Minuten ist das Hemd durchgeschwitzt – ja, ja, ich weiß, ich bin ein Angeber, aber Tretrollerfahren ist nun mal anstrengender als Wandern, Laufen, Fahrradfahren, Reiten, Skaten usw. Was mache ich also mit dem Rest des Tages und einem durchgeschwitzten Hemd? Richtig, weiter schwitzen … und dann nützt auch der angeblich natürliche Fettgehalt der Wolle nichts mehr!

Gut erholt ging es langsam aber kontinuierlich Richtung Auch. Die „Heimatstadt“ der Musketiere und Station auf dem Jakobsweg der Italiener in der wunderschönen Gascongne.

Statt einer Erkenntnis des Tages, ein kurzer Wortwechsel mit der Heimat: „Wenn ich nach Hause komme, muss ich mal wieder ordentlich auf den Tisch hauen!“ Antwort: „Was für‘ n Tisch?“

Tag 115 bis 118 – Gegenwind

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Route von Corrion de los Condes nach Burgos

Kilometer:49,42

Fahrzeit: 3:59:01

Ækm/h:12,4

Insgesamt: 4.192 km

Wetter: Sonne aber viel Wind

Location/Biwak/Camp: Burgos

Das Wetter könnte eigentlich nicht besser sein. Viel Sonne aber nicht wirklich heiß, da der Wind schnell abkühlt. Leider kommt er aus der falschen Richtung, wie immer von vorne. Es gibt nichts Schlimmeres als Gegenwind für Tretrollerfahrer. Du kickst wie ein Blödmann und kommst nicht voran. Sogar bergab muss ich kicken um überhaupt mal etwas Fahrt aufzunehmen. In der Ebene der Meseta musste ich manchmal absteigen und schieben, weil nichts mehr ging. Trotzdem bin ich gut und teilweise sogar auf dem Originalweg – also über die Berge und Schotterpisten – in Burgos angekommen. Bis über beide Ohren in Staub und Dreck gehüllt checkte ich diesmal in einem Hotel ein, um mal wieder einen Putz- und Flicktag einzulegen. Gut, dass man hier solche „Gestalten“ gewohnt ist, in Deutschland hätte ich da einige Probleme …

Ich bin kein Pilger mehr!?

Als ich meinen Pilgerausweis beim Eintritt in die Kathedrale von Burgos vorzeigte, sagte mir der Ticketfuzzi, dass ich als Rückkehrer den normalen Eintritt (5,00 €) zahlen müsste, statt den für Pilger ermäßigten Eintritt (2,50 €). Das Ganze in einem extrem patzigen und für Burgos ungewöhnlich genuschelten Spanisch und noch mal in schlechtem Englisch. Er wollte mir einfach kein ermäßigtes Ticket geben. Bayerischer Dickkopf trifft auf spanischen Korinthenkacker – Das kann nicht gut gehen. Wie, ich bin kein Pilger mehr? Buen Viaje statt Buen Camino! Wenn hier einer ein“ richtiger Pilger“ ist, dann ja wohl ich! Zurück fliegen kann jeder … In den Internetforen wird ja schon diskutiert, ob jemand der in Pamplona startet überhaupt noch ein „richtiger Pilger“ ist. Nach fast 4.200 km hatte ich die spanische Willkür einfach satt. Ich setzte mein freundlichstes Pilgerlächeln auf und sagte für alle hörbar „Fuck You“. Nicht nett aber der Situation, meiner Verfassung und der eigenwilligen Pilger-Bürokratie angemessen. Aber, Aufgeben ist nicht mein Ding. Ich erinnere an meinen letzten Blogbeitrag und die neuen Schuhe. In festem Vertrauen darauf, dass in Spanien am Nachmittag nichts mehr so ist wie am Vormittag und der Ticketfuzzi bestimmt in der Siesta ist, ging ich noch mal in die Kathedrale. Nicht ohne vorher das Wort „Warum?“ auf Spanisch nachzuschlagen, um es möglichst oft und laut zu fragen. Doch es kam völlig anders. Als ich reinkam, fragte mich eine Dame (das gesamte Personal hatte  mittlerweile gewechselt) sehr freundlich, welche Sprache ich spreche. Auf Deutsch erklärte sie mir dann, dass der Eintritt heute frei (!) ist und ich nur noch meinen Rucksack einschließen müsste. Noch ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte ich schon das kostenlose Ticket in der Hand. Ich werde Spanien nie verstehen. Bitte versteht mich nicht falsch. Der Eintritt von 5,00 € ist absolut gerechtfertigt. Die Kathedrale ist sehr aufwendig restauriert worden und die zusätzlichen Ausstellungen sind wirklich sehenswert. Wer nach Burgos kommt, kommt unter einer Stunde für diese Kirche nicht aus, was schon sehr ungewöhnlich (auch für mich) ist.

Erkenntnis des Tages: Es gibt immer einen dritten Weg!

Tag 107 bis 114 – Geisterfahrer

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Route von Villafranca nach Carrion de los Condes

Kilometer: 57,77

Fahrzeit: 4:41:20

Ækm/h: 13,2

Insgesamt: 4.100 km

Wetter: Sonnebrandwetter

Location/Biwak/Camp: Carrion de los Condes

Für alle die sich zu spät eingeschaltet haben. Wir haben immer noch dieselbe Regierung (selbst schuld), Spanien ist Weltmeister geworden (auch selbst schuld) und ich bin auf der Rückfahrt (das kann ich leider niemanden in die Schuhe schieben). Ich bin seit dem 01. April mit dem Tretroller von Berlin aus auf dem Jakobsweg. Der Roller wiegt 66 kg, mit mir 150 kg (obwohl ich schon über 15 kg abgenommen habe), ich wechsel natürlich Stand- und Schwungbein alle sieben „Schritte“ und JA es ist anstrengender als Laufen oder Fahrrad fahren – gilt übrigens auch für die Abfahrten, da ich mit nur einem Bein 150 kg bei ca. 50 km/h ausbalancieren muss. Der Rückweg führt mich bis Puenta la Reina auf dem Camino Frances. Danach geht es auf den Somport-Pass nach Lourdes (sicher ist sicher) und weiter auf dem GR 65 bis Le Puy. Die Rhone hinauf bis zur Doubs, dieser und einem Kanal folgend bis zum Rhein. Um den 20. September 2010 möchte ich zum Oktoberfest in München sein. O’ Zapft is! Ich bin also z. Z. als Geisterfahrer in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Manchmal halten Autofahrer an, um mir die richtige Richtung zu zeigen. Wenn ich nach dem Weg frage, muss ich immer gleich hinzufügen „Yo regresso a Alemania“ – „Ich fahre zurück nach Deutschland“, sonst schickt man mich wieder zurück zurück. Heh, zurück zurück – auch mir fällt es manchmal schwer, in meinem Reiseführer und Kartenmaterial zurückzublättern bzw. dann die richtige Richtung zu finden.

Über die (…zensiert…) Schuhe, die ich mir in Santiago de Compostela gekauft habe, habe ich mich bereits im letzen Blog ausgelassen. Nicht nur deshalb habe ich in El Acebo drei Tage Pause gemacht und dringende Reparaturen am Tretroller vorgenommen (Achter vorne und hinten, Schutzblech, Bremsen etc.) und die Schuhe mit dem Hammer solange verdroschen/verprügelt/geschunden/geschlagen/gequält, bis sie endlich aufgaben. Folge: Die Mistdinger sehen jetzt nicht mehr wirklich neu aus, aber ich habe keine Blasen mehr. Einer von uns beiden musste aufgeben – ich gebe niemals auf … an dieser Stelle ein großes Dankeschön an La Rosa del Agua, dass ich die Garage bzw. Werkstatt benutzen durfte. Wahrscheinlich gehe ich in die Dorfgeschichte ein, als „Der mit den Schuhen schimpft“ – El loco hombre con partinette y bolsa rotta.

Pilgergaffen

Ich nutzte natürlich die drei Tage auch, um meiner Lieblingsbeschäftigung nach zu gehen: Pilgergaffen, ein nicht besonders nettes Wort für den wissenschaftlichen Tatbestand des Beobachtens und Beschreibens als Methode in der Psychologie und Soziologie. Als „Günther Wallraff“ unter den Pilgern. Wenn ich von jedem/jeder PilgerIn für das richtige Einstellen der Teleskopstöcke nur einen Euro bekommen würde, könnte ich hier leben wie der König von Spanien und die meisten Pilger hätten keine Knieprobleme mehr. Wanderstock bzw. Pilgerstab oder Teleskopstöcke sehe ich hier oft eher als nettes Mitbringsel, das man irgendwie vor sich hinstreckt, aber nicht als Gehhilfe. Ich gebe zu, El Acebo ist nicht gut gewählt, denn es ist das erste Dorf nach dem Auf- und Abstieg vom Cruz de Ferro (über 1.300 m). Folglich humpelt hier jeder Zweite. Aber vom Balkon aus kann man direkt auf die erste Wasserstelle schauen und besonders gut fotografieren. Einen weiteren Euro für eine Kurzeinweisung, wie man einen Rucksack richtig packt und ich wäre innerhalb einer Saison Millionär. Was da an den Rucksäcken rumbaumelt, die Lenden quetscht, die Schultern nach hinten zieht, den Kopf nach vorne drückt oder einfach nur das ganze Ding völlig schief hängt ist echt unglaublich. Man sollte einen Rucksackführerschein einführen und eine Pilgerpolizei, die das kontrolliert und entsprechend maßregelt. Spaß beiseite, die meisten haben damit ein echtes Problem und sind leider selbst schuld. Am besten sind die Franzosen: Immer in der Gruppe (sonst nur Italiener und Japaner), meistens mit dem Raidlight-Zeugs (ist echt super, habe ich auch, aber nur für einen Ultra-Wüstenmarathon von max. sechs Tagen geeignet und nicht mit viel Gepäck für vier Wochen auf dem Jakobsweg) und singen ständig. Was soll das? Kommen nach Spanien, wundern sich, dass hier niemand Französisch spricht, dafür aber Englisch. Völlig hilflos und singend tappeln sie mit übervollen Leichtrucksäcken durch das Land und überlegen – hoffentlich -, ob sie nicht doch mal ein paar Brocken Englisch lernen sollten. Ich bewundere auch die Holländer. Mit völlig abgefuckten Fahrrädern und Satteltaschen, immer gut drauf, Multi-Lingual und mit extrem wenig Gepäck unterwegs. Fragt man einen Holländer, ob er Deutsch spricht, sagt er nicht ja, sondern auch! Das nenne ich gelebte Weltoffenheit. Deutsche Pilger: Ordentlich gepackter Rucksack (meistens zu groß), Markenklamotten (selten dreckig), alle denselben Reiseführer (natürlich stets zur Hand) und immer das große Warum im Gesicht. Warum tue ich mir das an? Warum Spanien? Warum haben die Geschäfte jetzt geschlossen? Warum spricht hier keiner Englisch? Warum mit dem Tretroller? Warum hast du soviel Gepäck dabei? Warum hast Du keine Kinder? Warum bist nicht bis Finesterra gefahren? Warum fährst Du nicht so zurück, wie Du gekommen bist? Naja, wer nicht fragt, bleibt dumm – Warum?

Erkenntnis des Tages: Sorry little baby, but I always take the long way home.

Tag 101 bis 106 – Die Rückfahrt beginnt

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Route von Santiago nach Villafranca

Kilometer: 26,48

Fahrzeit: 3:28:34

Ækm/h: 7,6

Insgesamt: 3.865 km

Wetter: Sonne, heiß – in den Bergen Regen

Location/Biwak/Camp: Villafranca

Eigentlich dachte ich, die Sache mit dem Büßen wäre jetzt vorbei, jetzt kommt der Spaß. Aber leider entpuppten sich die neuen Schuhe als echte Büßerlatschen. Beide Hacken sind wund gelaufen, beide Füße haben Druckstellen und sind teilweise taub. Selbst bei der Bundeswehr in den schlechtesten Stiefeln der Welt habe ich mir keine Blasen gelaufen. Mal sehen, ob ich in Leon neue Schuhe kaufen kann. Die Alten habe ich aus hygienischen Gründen noch vor Ort entsorgt. Blöder Fehler, denn stinken tut bekanntlich nicht weh …

Am letzen Tag in Santiago bin ich noch durch das Seitenportal der Kathedrale gegangen. Dieses wird nur im Heiligen Jahr geöffnet und garantiert den Ablass – den Rest der Zeit ist es zugemauert und wird erst wieder 2024 geöffnet. Böse Zungen behaupten ja, ich baue mit der Rückfahrt schon mal vor … man weiss ja nie! Mal eben eine Stunde warten auf Absolution. Ich hasse warten …

Auf dem Rückweg kam ich wieder bei „Die zwei Deutsch“ in O Coto vorbei. Die Mama war lange Zeit mit der Familie in Stuttgart und spricht noch gut Deutsch. Sie zeigte mir einen in Deutschland sehr bekannten Reiseführer, in dem falsche Angaben über das Hotel gemacht worden sind. Leider auf dem Jakobsweg ein häufiger Fehler – ich glaube, dass viele Autoren gar nicht vor Ort recherchieren, sondern einfach irgendeinen Müll aus dem Internet abschreiben. Dort steht: Nicht alle Zimmer sind gut und ein DZ kostet ab 55,00 €. Richtig ist (und vor Ort recherchiert!) ein DZ kostet ab 40,00 € ein EZ kostet ab 30,00 € und liegt damit sogar unter dem Durchschnitt. Alle Zimmer sind gut und vor allem sauber! Vorteil an O Coto: Wer dem Pilgerrummel entgehen möchte, hat hier die größten Chancen. Es liegt direkt am Rad- und Fußpilgerweg zw. den Stationen Palas de Rei und Melide. Also nicht jeden Unfug glauben, der geschrieben steht (auch wenn der Autor einen Dr. Titel vor sich her trägt). Gilt natürlich nicht für diesen Blog, ist doch klar – oder?

Die Orientierung ist z. Z. einfach. Einfach den Massen entgegen fahren. Aber: Aufpassen, denn bis so ein Pilger merkt, dass ich zurückfahre, einen Tretroller habe und ich manchmal wg. des Verkehrs nicht ausweichen kann, kann es schon zu spät sein … eine Kollision auf dem Rückweg ist nicht ausgeschlossen. Ich kann gut verstehen, dass man so kurz vor dem Ziel nicht mehr ganz aufnahmefähig ist. Bei der Abfahrt vom O Cebreiro lernte ich dann Erika und Willi aus Tirol kennen. Auch sie sind mit dem Tretroller unterwegs. Es gibt also noch mehr Verrückte auf der Welt. Z. B. eine Texanerin, die eine Harfe (ja, ein sehr empfindliches Musikinstrument) auf einem Wanderanhänger hinter sich her zieht … Fans keltischer Klänge kommen hier auf ihre Kosten – in Galizien sowieso.

In Sarria hatte ich dann den dritten Platten dieser Reise. Eigentlich lächerlich, aber beim Rausnehmen des Schlauches, merkte ich, dass auch dieser irgendwie zu dünn bzw. zu klein für die Reifen ist. Ich glaube ich muss mit dem Verkäufer noch mal ein ernstes Wörtchen reden! Mal sehen was er dazu sagt!?

Erkenntnis des Tages: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!