Tag 107 bis 114 – Geisterfahrer

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Route von Villafranca nach Carrion de los Condes

Kilometer: 57,77

Fahrzeit: 4:41:20

Ækm/h: 13,2

Insgesamt: 4.100 km

Wetter: Sonnebrandwetter

Location/Biwak/Camp: Carrion de los Condes

Für alle die sich zu spät eingeschaltet haben. Wir haben immer noch dieselbe Regierung (selbst schuld), Spanien ist Weltmeister geworden (auch selbst schuld) und ich bin auf der Rückfahrt (das kann ich leider niemanden in die Schuhe schieben). Ich bin seit dem 01. April mit dem Tretroller von Berlin aus auf dem Jakobsweg. Der Roller wiegt 66 kg, mit mir 150 kg (obwohl ich schon über 15 kg abgenommen habe), ich wechsel natürlich Stand- und Schwungbein alle sieben „Schritte“ und JA es ist anstrengender als Laufen oder Fahrrad fahren – gilt übrigens auch für die Abfahrten, da ich mit nur einem Bein 150 kg bei ca. 50 km/h ausbalancieren muss. Der Rückweg führt mich bis Puenta la Reina auf dem Camino Frances. Danach geht es auf den Somport-Pass nach Lourdes (sicher ist sicher) und weiter auf dem GR 65 bis Le Puy. Die Rhone hinauf bis zur Doubs, dieser und einem Kanal folgend bis zum Rhein. Um den 20. September 2010 möchte ich zum Oktoberfest in München sein. O’ Zapft is! Ich bin also z. Z. als Geisterfahrer in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Manchmal halten Autofahrer an, um mir die richtige Richtung zu zeigen. Wenn ich nach dem Weg frage, muss ich immer gleich hinzufügen „Yo regresso a Alemania“ – „Ich fahre zurück nach Deutschland“, sonst schickt man mich wieder zurück zurück. Heh, zurück zurück – auch mir fällt es manchmal schwer, in meinem Reiseführer und Kartenmaterial zurückzublättern bzw. dann die richtige Richtung zu finden.

Über die (…zensiert…) Schuhe, die ich mir in Santiago de Compostela gekauft habe, habe ich mich bereits im letzen Blog ausgelassen. Nicht nur deshalb habe ich in El Acebo drei Tage Pause gemacht und dringende Reparaturen am Tretroller vorgenommen (Achter vorne und hinten, Schutzblech, Bremsen etc.) und die Schuhe mit dem Hammer solange verdroschen/verprügelt/geschunden/geschlagen/gequält, bis sie endlich aufgaben. Folge: Die Mistdinger sehen jetzt nicht mehr wirklich neu aus, aber ich habe keine Blasen mehr. Einer von uns beiden musste aufgeben – ich gebe niemals auf … an dieser Stelle ein großes Dankeschön an La Rosa del Agua, dass ich die Garage bzw. Werkstatt benutzen durfte. Wahrscheinlich gehe ich in die Dorfgeschichte ein, als „Der mit den Schuhen schimpft“ – El loco hombre con partinette y bolsa rotta.

Pilgergaffen

Ich nutzte natürlich die drei Tage auch, um meiner Lieblingsbeschäftigung nach zu gehen: Pilgergaffen, ein nicht besonders nettes Wort für den wissenschaftlichen Tatbestand des Beobachtens und Beschreibens als Methode in der Psychologie und Soziologie. Als „Günther Wallraff“ unter den Pilgern. Wenn ich von jedem/jeder PilgerIn für das richtige Einstellen der Teleskopstöcke nur einen Euro bekommen würde, könnte ich hier leben wie der König von Spanien und die meisten Pilger hätten keine Knieprobleme mehr. Wanderstock bzw. Pilgerstab oder Teleskopstöcke sehe ich hier oft eher als nettes Mitbringsel, das man irgendwie vor sich hinstreckt, aber nicht als Gehhilfe. Ich gebe zu, El Acebo ist nicht gut gewählt, denn es ist das erste Dorf nach dem Auf- und Abstieg vom Cruz de Ferro (über 1.300 m). Folglich humpelt hier jeder Zweite. Aber vom Balkon aus kann man direkt auf die erste Wasserstelle schauen und besonders gut fotografieren. Einen weiteren Euro für eine Kurzeinweisung, wie man einen Rucksack richtig packt und ich wäre innerhalb einer Saison Millionär. Was da an den Rucksäcken rumbaumelt, die Lenden quetscht, die Schultern nach hinten zieht, den Kopf nach vorne drückt oder einfach nur das ganze Ding völlig schief hängt ist echt unglaublich. Man sollte einen Rucksackführerschein einführen und eine Pilgerpolizei, die das kontrolliert und entsprechend maßregelt. Spaß beiseite, die meisten haben damit ein echtes Problem und sind leider selbst schuld. Am besten sind die Franzosen: Immer in der Gruppe (sonst nur Italiener und Japaner), meistens mit dem Raidlight-Zeugs (ist echt super, habe ich auch, aber nur für einen Ultra-Wüstenmarathon von max. sechs Tagen geeignet und nicht mit viel Gepäck für vier Wochen auf dem Jakobsweg) und singen ständig. Was soll das? Kommen nach Spanien, wundern sich, dass hier niemand Französisch spricht, dafür aber Englisch. Völlig hilflos und singend tappeln sie mit übervollen Leichtrucksäcken durch das Land und überlegen – hoffentlich -, ob sie nicht doch mal ein paar Brocken Englisch lernen sollten. Ich bewundere auch die Holländer. Mit völlig abgefuckten Fahrrädern und Satteltaschen, immer gut drauf, Multi-Lingual und mit extrem wenig Gepäck unterwegs. Fragt man einen Holländer, ob er Deutsch spricht, sagt er nicht ja, sondern auch! Das nenne ich gelebte Weltoffenheit. Deutsche Pilger: Ordentlich gepackter Rucksack (meistens zu groß), Markenklamotten (selten dreckig), alle denselben Reiseführer (natürlich stets zur Hand) und immer das große Warum im Gesicht. Warum tue ich mir das an? Warum Spanien? Warum haben die Geschäfte jetzt geschlossen? Warum spricht hier keiner Englisch? Warum mit dem Tretroller? Warum hast du soviel Gepäck dabei? Warum hast Du keine Kinder? Warum bist nicht bis Finesterra gefahren? Warum fährst Du nicht so zurück, wie Du gekommen bist? Naja, wer nicht fragt, bleibt dumm – Warum?

Erkenntnis des Tages: Sorry little baby, but I always take the long way home.

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