Tag 119 bis 123 – Neue Wege

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Route von Burgos nach Tiebas

Kilometer: 75,59

Fahrzeit: 5:55:16

Ækm/h: 12,7

Insgesamt: 4.415 km

Wetter: Sonne, extrem heiß

Location/Biwak/Camp: Tiebas

Ich bin noch einen Tag in Burgos geblieben. So konnte ich mir eine neue Hose kaufen, die Kohlenhydratspeicher auffüllen und Fotos machen. Die Orientierung wird jetzt etwas schwieriger, denn Burgos ist einer der Orte, bei dem viele ihren Jakobsweg beginnen; d. h., mir kommen immer weniger Pilger entgegen. Dafür aber Amerikaner, Australier, Holländer usw., die sich immer sehr für den Tretroller interessieren oder fragen, ob alles in Ordnung ist. Na ja, ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Leider hat ganz Spanien Ferien, d. h., die Campingplätze sind völlig überfüllt. Quengelnde Kinder, schreiende Babys, notgeile Jugendliche, Partys ohne Zeitlimit. Sobald ich mit meinem Tretroller auftauche, holen alle Kinder ihren Tretroller raus. „Schau mal, ich habe auch einen!“ Und schon wird der Weg vor meinem Zelt zur Promenade – „Esta un loco alemano!“ – „Da gibt es einen verrückten Deutschen, der mit dem Tretroller aus Berlin hier hergekommen ist.“ Dann kommt der Chef, der ein paar Brocken Englisch kann – oder etwas Ähnliches – und stellt die üblichen Fragen. Ich erzähle natürlich, dass ich auf dem Rückweg bin. Die ein oder andere Mutti nimmt sofort ihr Kind an die Hand; der hat bestimmt einen umgebracht, weil der soviel Büßen muss …

Das Wetter ist extrem heiß, der Gegenwind ist mir treu geblieben. Kein Wunder, dass das La Rioja nicht nur gute Weine macht, sondern auch gute Kopfschmerzen beim Schieben durch die Weinberge. Wieder in Puenta la Reina angekommen, habe ich hier die Richtung gewechselt, um den Somport-Pass zu erreichen. In Tiebas kam ich in einer nagelneuen Herberge unter. Wäsche waschen, in der Küche kochen, freies WiFi und fast alleine – so könnte es bleiben.

Erkenntnis des Tages: Campingplätze gehen mir tierisch auf den Keks.

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Tag 76 bis 81 – Schlaflos in Spanien

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Route von Pamplona nach Santo Domingo

Kilometer: 58,47

Fahrzeit: 5:44:38

Ækm/h: 10,1

Insgesamt: 3.057 km

Wetter: Sonne und Regen im ständigen Wechsel

Location/Biwak/Camp: Santo Domingo

Ich habe in Pamplona noch etwas die Stadt genossen und das superspanische Wetter abgewettert. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ich hier nur noch im T-Shirt fahre, schwitze und endlich gleichmäßig braun werde. Seit Tagen fahre ich in meiner Herbstjacke für Berliner Sauwetter und friere bei den Abfahrten. In der letzen Nacht in Pamplona war im Nebenzimmer ein Pärchen. Erst haben Sie sich laut unterhalten (gut, dass ich kein Spanisch kann) und pünktlich nach den deutschen Nachrichten im TV ging es um 0:30 ordentlich zur Sache. Aber nicht die berühmten Coelho’schen Elf Minuten – nein! Ganze 1,5 Stunden Dauerpoppen. Egal was der nimmt, das will ich auch haben. Am nächsten Tag kam er mit seiner „Geliebten“ (es kann einfach nicht seine Frau gewesen sein) zum Frühstück (ich habe die Stimmen/das Stöhnen wieder erkannt). Er machte den Eindruck, also würde er jeden Moment fragen, ob ihn bzw. sie auch jeder letzte Nacht gehört hatte. Aufgeschlagener Jackenkragen, Sonnenbrille in den gegelten Haaren (der Frühstücksraum hatte nicht mal Fenster) und einen guten Appetit. Ab morgen schlafe ich wieder auf einem Campingplatz oder in einer Pilgerherberge. Ich habe Pamplona bei 10 Grad und leichtem Nieselregen verlassen. Es gibt für Fahrradfahrer keine oder nur dürftige Ausschilderung. Dafür sind die im Führer ausgewiesen Straßen sehr ruhig und eigentlich gut zu fahren, wenn ich nicht dauernd schieben müsste. Am Abend übernachtete ich auf einem Campingplatz in Estella. Schon nach kurzer Zeit merkte ich, hier stimmt was nicht. Gefühlte 1.000 Kinder um zw. neun und zehn Jahren alt sprangen ständig zw. den Zelten, Wohnwagen und Mobilehomes rum. Wer Spanien kennt, weiss, dass das bis 23:00 Uhr dauert. Zu spät, das Zelt stand bereits. Auch andere Pilger in ihren Zelten rollten schon die Augen. Punkt 23:00 wurde alles still – Alles? Nein, jetzt wurde die Nachbarhunde auf die Ruhe aufmerksam. Na da wollen wir doch den Gästen aus der ganzen Welt einmal zeigen wie toll wir bis ca. 2:00 uns von Hof zu Hof unterhalten können. Am nächsten Tag kam ich auf ganze 21 km. Am darauf folgenden Tag gab ich spanischen Campingplätzen noch eine Chance. Schon bei der Einfahrt kamen mir bekannte Gesichter vom Ibenata-Pass entgegen – Camping Tranquilo – ruhiger Campingplatz sagten sie. Von der Fiesta wussten sie allerdings auch nichts. Zwei Kapellen gaben im Wechsel ihr Bestes. Der Campingplatz lag mitten Najera und war früher mal eine kleine Stierkampfarena. Also wurde wieder bis 23:00 Uhr um die ehemalige Stierkampfarena eine Art Parade abgehalten. Damit auch ja keiner schlafen geht, bevor die Spanier nicht ihre Fiesta beendet haben, gab es bis gegen 01:00 Uhr noch Böllerschüsse in unregelmäßigen Abständen. Einen Aufenthalt auf einem Truppenübungsplatz hatte ich als angenehmer in Erinnerung …

Die Strecke ist extrem bergig. Teilweise habe ich aus Interesse mal den Originalweg genommen. Es geht, aber es ist sehr mühsam. Schieben muss ich auf dem Fahrradweg allerdings auch, deswegen ist es für mich egal. In Santo Domingo angekommen, schaute ich mir gleich die Kirche an. Hier gibt es eine Legende (die müsst ihr selber nachschlagen) und zwei noch lebende Hühner. Wenn Du, als Pilger den Hahn krähen hörst, wirst Du sicher und unbeschadet in Santiago de Compostela ankommen. Der Hahn kräht natürlich selten, für mich hat er aber gleich siebenmal gekräht – also genau mein Schrittwechsel … was dass wohl zu bedeuten hat?

Erkenntnis des Tages: Schlafen kann ich, wenn ich zurückkomme, auch noch.

Tag 74 bis 75 – Über den Wolken

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Kilometer: 29,12

Fahrzeit: 3:46:19

Ækm/h: 7,7

Insgesamt: 2.903 km

Wetter: Regen

Location/Biwak/Camp: Pamplona

Die Abfahrt (eigentlich Abschub) in SJPdP war bei bestem T-Shirt Wetter (für mich). Schon nach einer kurzen Fahrt passierte ich die spanische Grenze, um weiter auf den Ibenatapass zu steigen. Eigentlich extrem anstrengend, aber mit über 2.800 km Anlauf eher ein Nachmittagsspaziergang. Ich musste zwar etwa 90 % der Strecke den Tretroller bergauf schieben, wurde aber am nächsten Tag mit einer rasanten Abfahrt nach Pamplona belohnt. Die Nacht verbrachte ich in der Pilgerherberge von Roncesvalles. Hier sammeln sich zum ersten Mal die Pilger in einer „Massenunterkunft“ zw. stinkenden Socken, feuchten T-Shirts, Wanderstöcken, Rucksäcken, muffligen Handtüchern und Stockbetten. Die meisten Pilger haben Blasen an den Füßen, humpeln oder sind einfach nur fertig von dem anstrengenden Aufstieg auf über 1.050 m. Ich glaube ich war der Einzige, der relativ entspannt auf seinem Bett saß und eigentlich nur Hunger hatte … was sonst!

Alles riecht nach Schweiß, Schlamm und Käsfüßen, die Sprachen gehen durcheinander (Englisch, Deutsch, Französisch, Holländisch, Japanisch, Portugiesisch, Spanisch, Polnisch usw.) Die Begrüßung durch die holländischen Hospitaleros (so nennt man die freiwilligen Herbergsbewirtschafter) war herzlich, professionell und grundsätzlich in Englisch. Neben mir lag Pedro, ein Portugiese, der in der Schweiz arbeitet, unter mir lagen zwei Spanierinnen. Im Nachbarblock waren eine Frankfurterin, eine Irin und zwei Texaner. Die Japaner deckten die Matratzen mit Plastikplanen ab und zogen ihre Regenjacken an; bei der Wärme von ca. 60 Pilgern eigentlich nicht nötig. Die Deutschen gründeten eine Stockbettenkolonie. Einige waren so fertig, dass sie schon schliefen, als ich am frühen Nachmittag dort ankam. Nach etwa einer Stunde anstehen konnte auch ich mich duschen und frische Sachen anziehen. Nach über 70 Tagen alleine und meistens im Zelt eine erhebliche Umstellung. Um 22:00 Uhr ging das Licht aus und wie bei den Pfadfindern oder im Ferienlager funzelt irgendein Volldepp noch eine halbe Stunde mit der Taschenlampe rum. Geschlafen habe ich kaum. Um 06:00 Uhr ging das Licht wieder an und die Hospitaleros haben ein eindringliches Halleluja-Singen auf den Lippen und gingen durch die Reihen, um auch alle wach zu bekommen. Einige waren schon längst unterwegs, um eine der wenigen Plätze in der nächsten Herberge zu bekommen. Andere verbrachten den Morgen mit schminken (kein Scherz), Verabredungen treffen für die nächsten Tage, dem Austausch von E-Mail-Adressen und herzliche Umarmungen. Ein seltsames Hochgefühl der Pilgerschaft kehrt ein. Ich gebe zu, auch mich hat es erwischt. Um 07:30 war ich abmarschbereit. Also ca. drei Stunden vor meiner üblichen Abfahrtszeit. Ohne Kaffee, Müsli und ohne wach zu sein, fuhr ich die nächsten zwei Pässe auf ca. 900 m und 800 m. Bis zum Mittag war ich in Pamplona, binnen drei Stunden, dafür brauchen Fußpilger zwei Tage … Allerdings beneide ich die Fußpilger für ihren einfachen Umgang mit dem Gepäck. Alles irgendwie in den Rucksack stopfen – fertig. Ich muss dreimal laufen um alles bis zum Roller zu bringen um dann noch mal 15 Minuten alles festzuzurren, Luftdruck prüfen und die neue Karte in die Kartentasche einlegen. Zwischendurch müssen noch alle Fragen beantwortet werden: Woher? Wohin – als gäbe es ab hier noch eine andere Möglichkeit? Wie viel Kilometer? Wo sind die Pedale? Hast Du keinen Sitz? Und die netten neuen Fragen: Ist Berlin die Hauptstadt von Deutschland? Hast Du kein GPS? Bei dem Gepäck musst Du nur alle 14 Tage Wäsche waschen oder? Hast Du genug Geld? Was fällt Dir ein, solange wegzubleiben, hast Du keine Kinder?

Viva Espania! Schnell in einem Hotel einchecken, Klamotten waschen, eine spanische Telefonnummer besorgen (wesentlich einfacher als in Frankreich) und mich auf die Spuren von Ernest Hemingway machen. Kleine Gassen, kleine Geschäfte, bereits die ersten Vorbereitungen für die San Firmin (die sog. Stierhatz) und die Cafés wurden in seinem Roman „Fiesta“ eindrücklich beschrieben. Vor der Arena steht sein Denkmal und überall stößt man auf seine Spuren. Dumm nur, dass alle Geschäfte am Nachmittag geschlossen sind … Irgendwie komme ich mit dem neuen Tagesplan (06:00 aufstehen, nachmittags Fiesta und erst ab 20:00 Abendessen) noch nicht so ganz klar. Aber, ich habe ja noch etwas Zeit … Mal sehen, wie es weiter geht – noch 750 km bis Santiago …

Erkenntnis des Tages: Man muss das Leben eben nehmen, wie das Leben (in Spanien) eben ist.