Mit dem Fahrrad vom Nordkap nach Istanbul

IRON HARD 2018
Berlin – Nordkap – Istanbul – Berlin

Das neue Projekt für diese Jahr:

IRON HARD 2018

So sieht die geplante Route aus. Start Mitte März in Berlin. Es geht erst mal stur nach Norden (blaue Route) in Richtung Kopenhagen, mit der Fähre nach Malmö und entlang der Küste über Oslo, Bergen und die Lofoten zum Nordkap. In Kirkenes Nordnorwegen an der finnisch-russischen Grenze startet die EuroVelo 13 mit dem IRON CURTAIN TRAIL entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs bis zum Schwarzen Meer (rote Route). Ob ich über St. Petersburg fahre ist z. Z. noch nicht geklärt, da das Visum für eine zweimalige Einreise (also St. Petersburg und Kaliningrad) nicht einfach zu bekommen ist. Zurück fahre ich, wenn es die politische Situation zulässt, über Istanbul. Sollte das nicht klappen, werde ich bis Athen fahren und von dort aus mit der Fähre nach Venedig. Zurück radle ich über die Alpen wieder nach Berlin (blaue Route Süd). Ganz ehrlich … schon eine etwas sehr ambitionierte Route … aber schlussendlich ist es eigentlich nur die Vorbereitung für ein Projekt in 2019, also „der Speck muss weg“. Früher war alles leichter, sogar ich. Allein der IRON CURTAIN TRAIL hat schon etwas mehr als 9.000 km, d. h. dass ich bei Hin- und Rückfahrt auf ca. 16.000 km kommen werde. Das verkaufen einige sog. Radreisende als „Weltumradelung“ und ich habe noch nicht einmal meinen gewohnten Kiez verlassen …

IRON HARD BLOG

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Tag 179 bis 196 – Geschafft!

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Route von Würzburg nach Berlin

Kilometer: 737,59

Fahrzeit:

Ækm/h: 12,0

Insgesamt: 7.221,05 km

Wetter: kalt

Location/Biwak/Camp: Berlin

Gott sprach: „Es werde Licht!“ und es ward Licht. Nicht so in Berlin. Obwohl die Stadt wg. des Festival of Lights in allen möglichen Farben beleuchtet ist bzw. leuchtet, interessieren sich die Fahrradfahrer überhaupt nicht dafür, daran teilzuhaben. In schwarzen Klamotten, ohne Beleuchtung, ohne Helm herrscht hier die absolute Anarchie. Daran muss ich mich erstmal wieder gewöhnen. Ebenso an den Verkehr. In Berlin treffen die dümmsten Fahrradfahrer der Welt auf die dümmsten Taxifahrer der Welt. Was unweigerlich ein 24-Stunden-Chaos verursacht. Trotzdem passiert relativ wenig. Über Berlin kreisen die Schutzengel im Tiefflug; anders kann ich mir das nicht erklären.

Yes, I did it! Nach über 7.200 km bin ich wieder zu Hause. Ich muss mir mein Essen nicht mehr mit Ameisen und Igeln teilen, kann wieder jeden Tag duschen, Nachrichten schauen und einfach den Pizza-Service kommen lassen, wenn ich Hunger habe. Doch der Reihe nach! An meinem letzten Tag in Würzburg stellte ich fest, dass der Rahmen des Tretrollers vorne links gebrochen war. Er hielt noch bis Berlin, aber leider sind weitere Touren damit kaum machbar. Als ich einige Tage später aus Bamberg rausfahren wollte, musste ich einige Bahngleise bei Regen kreuzen. Eigentlich kein Problem für jemanden, der in einer Stadt mit Straßenbahn aufgewachsen ist. Also im rechten Winkel angepeilt und zügig rüber. Klatsch lag ich da! Ergebnis: rechtes Knie und Bein aufgescheuert und stark blutend, rechter Arm aufgescheuert, Prellung an beiden Schultern, linkes Handgelenk verstaucht – kein sicheres Greifen mehr möglich, Kopfschmerzen mit Sehstörungen (leichte Gehirnerschütterung) und der Helm hat sich für immer von mir verabschiedet (Totalschaden). Liebe Kinder: Immer nur mit Helm fahren!!! Onkel Peter wäre ohne Helm plemplem geworden … Na ja, das führen wir jetzt nicht weiter aus. Tretroller kaputt, ich kaputt – nicht die besten Voraussetzungen für die letzten 600 km. Aber was soll’s – aufgeben, rumjammern oder mit dem Zug fahren hilft auch nichts. Einen Tag Pause in einem Hotel eingelegt und schon ging es weiter nach Thüringen und entlang der Saale, bis ich wieder auf den R 1 Radweg traf, der mich sicher nach Berlin gebracht hat. Alles etwas langsamer als gewohnt aber ohne weitere Schwierigkeiten. Der Grund für das späte Schreiben dieses letzten Blogs, ist allerdings nur bedingt eine Folge des Sturzes. Die Hand schmerzt immer noch, aber kurz nach meiner Ankunft musste mir ein Zahn gezogen werden, der kurz vor dem Explodieren war. Sündenfrei und zahnlos laufe ich derzeit mit bandagierter linker Hand durch Berlin und plane den nächsten Coup: Mit dem Fahrrad zum Nordkap und die Umrundung von Nord- und Ostsee in einer Saison www.bikehard.de.

Erkenntnis des Tages: Dein Leben ist eine Reise, deine Empfindungen sind deine Landkarte, dein Körper ist dein Fahrzeug. (Sébastien Foucan – Erfinder des Free-Running bzw. Parcour)

Tag 168 bis 178 – Gutes Timing

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Route von Speyer nach Würzburg
Kilometer: 87,07
Fahrzeit: 6:46:06
km/h: 12,8

Insgesamt: 6.483 km
Wetter: Sonne
Location/Biwak/Camp: Würzburg

Bis jetzt hatte ich immer Glück mit dem Timing. In der Vorsaison durch Frankreich und Spanien und in der günstigeren Nachsaison durch Deutschland. Um das Ganze perfekt zu machen, bin ich jetzt zur Federweißenzeit (hier übrigens Bremser genannt) in den besten deutschen Weingebieten (ähm – ein bisschen Lokalpatriotismus muss einfach sein). In fast jeder Kneipe bzw. Restaurant bekommt man dieses süße „Abfallprodukt“ der Weinherstellung. Lässt sich trinken wie Limonade, wirkt wie Starkbier und macht angeblich eine schöne Haut.
In den letzten Tagen hatte ich wunderschönes Herbstwetter. Ab Mittags konnte ich sogar nur noch im T-Shirt fahren, während die „Einheimischen“ bis zum Ohrläppchen eingepackt sind. Allerdings ist es nachts max. 4 Grad warm … sehr ungemütlich, da das Zelt ständig nass ist und alle Klamotten irgendwie klamm. Ich habe mich noch nie so sehr auf eine Waschmaschine gefreut! Nur noch knapp 800 km bis Berlin! Die Entscheidung den Rhein und den Main entlang zu fahren hat sich auf jeden Fall gelohnt. Keine Steigungen, optimale Tagesetappen und bestes Wetter.
Ich bin wieder Pilger!
Nach der Pleite in Burgos (siehe Blog) holte ich mir auf dem Käppele in Würzburg meinen Pilgerstempel ab. Da es sich um ein Franziskanerkloster handelt, bekam ich als „echter Pilger“ ein sog. Almosen von 5,00 €! Wow – Wer hätte das gedacht, dass alte Traditionen noch leben.
Erkenntnis des Tages: Wo haben die hier nur diese Röhrenjeans her? Die waren schon out, als ich noch in Würzburg gewohnt habe!

Tag 151 bis 168 – 6.000 km mit dem Tretroller auf dem Jakobsweg

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Route von Le Puy nach Speyer

Kilometer: 100,39 (!)

Fahrzeit: 6:34:36

Ækm/h: 15,2

Insgesamt: 6.086,49 km

Wetter: Sonne, nur ein Tag Regen

Location/Biwak/Camp: Speyer

Hurra, ich habe es geschafft! Yes, I did it! Yeah! Ich bin zweimal durch ganz Frankreich gefahren, ohne auch nur einmal in Hundescheiße zu treten. Dafür habe ich den goldenen Touristikorden am Bande verdient und die Aufnahme in die Ehrenlegion inkl. Champagner-Empfang im Élysée-Palast. Naja, ich habe auch ein wenig geschummelt. Ich habe ja immer ein Bein auf dem Trittbrett und das andere bewegt sich so schnell, dass die Wahrscheinlichkeit eine der berühmten Tretminen zu treffen sehr gering ist und als Wahl-Berliner bin ich als Fußgänger in den Städten sowieso immer mit gesenktem Haupt unterwegs. Wer Frankreich kennt, kennt das Problem …

Tage der Gastfreundschaft

Auf der Suche nach einem Campingplatz oder Chambre D’Hotes gab es nach Le Puy immer wieder Probleme. Entweder es gab gar nichts oder alles war voll. So kam es, dass ich von „Wildfremden“ einfach nach Hause eingeladen worden bin. Eindeutige Aussagen: „Du bist verrückt, aber nicht gefährlich!“ Sofort wurde Pizza gebacken, ein Grillabend organisiert, ein Zimmer hergerichtet, Wein serviert, Freunde angerufen oder der beste Platz im Garten für mein Zelt zugewiesen. Ich habe sogar einen ganzen Abend Französisch „geredet“ (soweit möglich) ohne mir die Zunge zu brechen. Vielen Dank an dieser Stelle.

Globetrotter unter sich

Kurz nach Le Puy traf ich Heidi und Marcos (siehe Foto), die von Japan bzw. China unterwegs nach Santiago de Compostela sind. Mit dem Fahrrad über den sog. Hippie-Trail nach Europa gekommen, trafen wir uns an einer Tankstelle um  Luft für unsere Reifen zu tanken. Übrigens die Erste seit dem ich wieder in Frankreich bin! Eine willkommene Abwechslung und lockerer Small Talk unterwegs. Eines Morgens wachte ich auf, und fragte mich, ob es nicht möglich wäre, 100 km an einem Tag mit dem Tretroller zu fahren? Nicht ganz optimale Bedingungen: manchmal Gegenwind, einige leichte Nieselschauer und herbstliche Temperaturen machten mir auf der Strecke zw. Besançon und Montbeliard zu schaffen. Nach exakt 100,39 km sah ich ein Hotel. Ich fiel völlig fertig und ohne Essen ins Bett. Es geht also, aber ich brauche das nicht noch mal!!! Am nächsten Morgen traf ich im Hotel auf Pierre, einem Anwalt aus Quebec in Kanada. Er versicherte mir, dass er im Urlaub sei und ich keine Rechnung bekomme, wenn wir ein Stück gemeinsam nach Mulhouse fahren. Als hätte ich vom letzen Tag noch nicht genug, fuhren wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 18 km/h die 60 km bis zum Campingplatz in Mulhouse. Hier verabschiedeten wir uns, ich fuhr weiter bis Neuenburg am Rhein in Deutschland – insgesamt mehr als 86 km. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich kann nun wieder alle Schilder lesen, alkoholfreies Weisbier trinken und verstehe die Nachrichten im Fernsehen – also eigentlich verstehe ich gar nichts mehr. Kaum bin ich mal ein paar Monate nicht im Lande, steht die Welt Kopf: Sarrazin schafft Deutschland ab und probiert sich als SPD-Politiker in Eugenik und die CSU schafft die Wehrpflicht ab. Früher war das andersrum! Hey, was ist los mit Euch?

Erkenntnis des Tages: Ich will die alte bipolare Ordnung wieder haben! Es gibt Rechts, es gibt Links und irgendwo dazwischen stricken die Grünen einen Panzer – selbstverständlich für humanitäre Zwecke.

Tag 139 bis 150 – 5.000 km mit dem Tretroller auf dem Jakobsweg

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Route von Auch nach Le Puy en Veley

Kilometer: 61,61

Fahrzeit:4:32:40

Ækm/h: 13,5

Insgesamt: 5.168 km

Wetter: Sonne

Location/Biwak/Camp: Le Puy

Seit Tagen versuche ich an einer Tankstelle meine Reifen aufzupumpen. Normalerweise nehme ich die Luftpumpe dafür, aber manchmal möchte ich doch wissen, ob ich den richtigen Luftdruck drauf habe. Denkste! Entweder gibt es gar keine Luftdruckeinrichtung oder man muss einen Euro dafür bezahlen oder die Dinger sind kaputt. Wie pumpen die Franzosen eigentlich ihre Autoreifen auf? An jeder Tanke hatte ich dasselbe Problem. Ein echter Franzose zieht einmal kräftig an seiner Zigarette, pumpt den Reifen mit dem Mund auf, pinkelt in den Tank, fährt weiter und meldet sich bei der Fremdenlegion. Anders kann ich mir den Mangel an „Luftdruck“ nicht erklären …

Der Anschlag

Ich habe den Silvesterböller noch auf die Straße fliegen sehen. So konnte ich mich zumindest psychisch auf einen lauten Knall einstellen. Trotzdem bin ich weitergefahren und direkt neben mir hat es dann auch extrem lauf geknallt. Der Böller wurde aus einem Kleinlaster in Montauban gezielt auf mich geworfen. Dumm nur, dass die kommende Ampel auf Rot umgeschaltet hat. Mit viel zu viel Adrenalin im Blut, habe ich sie auf der Gegenfahrbahn eingeholt. Sie versuchten noch die zweite Spur zu nehmen – keine Chance! Bei 30 Grad (!) im Schatten wurden sofort alle Fenster hochgekurbelt und mich guckten drei Idioten etwas bedröppelt an. Laut brüllend (das kann ich richtig gut) hatte ich sofort die gesamte Aufmerksamkeit des Dorfes. Der laute Knall zuvor erklärte auch sofort die Situation. Aber Drei waren auch mir zu viel – nicht wirklich klug von mir … Wer nun vor wem Angst hatte bleibt dahingestellt, aber wenigsten bin ich meine Wut sofort losgeworden. Leider unterscheidet sich Frankreich hier in keiner Weise von allen anderen Ländern: In Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit haben die Menschen halt nur Sch… im Kopf. Fragt sich, was zu erst da war, die Henne oder das Ei?

In Caylus machte ich einen gezielten Stop, um mir die dortige kleine Kunstszene anzuschauen. Im ArtHouse Caylus fand ich einige Ideen für mein Anderes Leben. John und Grete McNorten führen hier ein Museum der Keramikkünstler Alan und Ruth Barret-Danes, geben Kurse und begleiten Künstler bei ihrer Arbeit. Lohnenswert!!!

Seit einigen Tagen treffe ich im Aubrac auch wieder Pilger. Klar, sie kommen mir immer noch entgegen und zweifeln an meinem Verstand, einen Tretroller die Berge hochzuschieben. In Le Puy en Velay angekommen, holten ich mir den Stempel für die Jakobspilger. Hier „beginnt“ der GR 65, der landschaftlich schönste Teil des gesamten Jakobsweges. Wer den nicht gemacht hat, war nie richtig pilgern …

Erkenntnis des Tages: Hier schließt sich der Kreis, denn 2004 musste ich hier wegen eines Rahmenbruchs am Fahrrad leider die Tour abbrechen.

Tag 124 bis 138 – Materialermüdung II

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Route von Tiebas bei Pamplona nach Auch in Frankreich

Kilometer: 38,20

Fahrzeit: 2:39:54

Ækm/h: 14,3

Insgesamt: 4.760 km

Wetter: alles

Location/Biwak/Camp: Auch (F)

Ich kann verstehen, warum manche Jakobspilger lieber über den längeren und schwierigeren Somport-Pass gehen. Er ist landschaftlich der Schönere. Im Gegensatz zu Ronceval hat man hier keinen Tunnelblick durch dichten Wald, sondern – gutes Wetter vorausgesetzt – eine herrliche Fernsicht. Ich wollte den Foto gar nicht mehr aus der Hand nehmen. Die erste größere Stadt in Spanien ist gemütlich und man kann hier fehlendes Equipment nachkaufen. Im Gegensatz zu Pamplona, das einen mit einem Industriegebiet begrüßt. Auch ich nutzte Jaca – allerdings als letzte spanische Stadt – um mir eine neue Speiche zu besorgen. Schon vor einigen Tagen hörte ich ein komisches Knacken. Leider konnte ich es nicht zuordnen. Ich bin also mindestens 80 km mit gebrochener Speiche gefahren. Beim routinemäßigen Aufpumpen der Reifen bemerkte ich dann das Dilemma. Dummerweise hat der Tretrollerreifen das eher exotische Maß von 26,0 inch statt 26,5 inch. Also musste mir der Taller (so nennt man hier die Bastler) im Fahrradladen eine Speiche kürzen. Hätte ich selbst nicht machen können, da mir Zange und Elektroschleifer fehlten, um das Gewinde wieder funktionsfähig zu machen. Als der meinen Tretroller sah, bekam ich eine große und die gekürzte kleinere Speiche umsonst. Weitere fast 150 km fuhr ich also ohne Speiche Richtung Pau in Frankreich. In freudiger Erwartung einer nächsten Panne, diesmal war das Ventil kaputt, baute ich auch erst dann die neue Speiche ein. Passt genau zusammen mit einem weiteren neuen Schlauch. Langsam aber sicher nervt es, die Fehler von anderen auszubaden! So konnte ich dann wieder die Pyrenäen runterkacheln ohne bei  jeder Bodenwelle die Luft anzuhalten und mich geistig auf einen Totalcrash vorzubereiten. Den Somport-Pass empfand ich als Spaziergang. Gut gelaunt und bei bester Kondition bin ich die 1.640 m den Tretroller schiebend raufgerannt. Das war dann wohl etwas zu viel für mich … denn in Pau war die Luft endgültig raus. Nichts ging mehr. Keine Kraft mehr in den Beinen. Eine dringende Pause von mindestens fünf Tagen war genau das Richtige für mich. Bei dieser Gelegenheit warf ich auch gleich noch mein gutes Merinowolle-Shirt in den Abfalleimer. Es bestand eigentlich nur noch aus Löchern. Wahrscheinlich hat es die ständige Handwäsche nicht vertragen. Es ist zwar richtig, dass Merinowolle nicht so schnell riecht, wie synthetisches Gewebe; aber wie immer trifft auch diese Regel nicht für Tretrollerfahrer zu. Bereits nach 20 Minuten ist das Hemd durchgeschwitzt – ja, ja, ich weiß, ich bin ein Angeber, aber Tretrollerfahren ist nun mal anstrengender als Wandern, Laufen, Fahrradfahren, Reiten, Skaten usw. Was mache ich also mit dem Rest des Tages und einem durchgeschwitzten Hemd? Richtig, weiter schwitzen … und dann nützt auch der angeblich natürliche Fettgehalt der Wolle nichts mehr!

Gut erholt ging es langsam aber kontinuierlich Richtung Auch. Die „Heimatstadt“ der Musketiere und Station auf dem Jakobsweg der Italiener in der wunderschönen Gascongne.

Statt einer Erkenntnis des Tages, ein kurzer Wortwechsel mit der Heimat: „Wenn ich nach Hause komme, muss ich mal wieder ordentlich auf den Tisch hauen!“ Antwort: „Was für‘ n Tisch?“

Tag 119 bis 123 – Neue Wege

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Route von Burgos nach Tiebas

Kilometer: 75,59

Fahrzeit: 5:55:16

Ækm/h: 12,7

Insgesamt: 4.415 km

Wetter: Sonne, extrem heiß

Location/Biwak/Camp: Tiebas

Ich bin noch einen Tag in Burgos geblieben. So konnte ich mir eine neue Hose kaufen, die Kohlenhydratspeicher auffüllen und Fotos machen. Die Orientierung wird jetzt etwas schwieriger, denn Burgos ist einer der Orte, bei dem viele ihren Jakobsweg beginnen; d. h., mir kommen immer weniger Pilger entgegen. Dafür aber Amerikaner, Australier, Holländer usw., die sich immer sehr für den Tretroller interessieren oder fragen, ob alles in Ordnung ist. Na ja, ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Leider hat ganz Spanien Ferien, d. h., die Campingplätze sind völlig überfüllt. Quengelnde Kinder, schreiende Babys, notgeile Jugendliche, Partys ohne Zeitlimit. Sobald ich mit meinem Tretroller auftauche, holen alle Kinder ihren Tretroller raus. „Schau mal, ich habe auch einen!“ Und schon wird der Weg vor meinem Zelt zur Promenade – „Esta un loco alemano!“ – „Da gibt es einen verrückten Deutschen, der mit dem Tretroller aus Berlin hier hergekommen ist.“ Dann kommt der Chef, der ein paar Brocken Englisch kann – oder etwas Ähnliches – und stellt die üblichen Fragen. Ich erzähle natürlich, dass ich auf dem Rückweg bin. Die ein oder andere Mutti nimmt sofort ihr Kind an die Hand; der hat bestimmt einen umgebracht, weil der soviel Büßen muss …

Das Wetter ist extrem heiß, der Gegenwind ist mir treu geblieben. Kein Wunder, dass das La Rioja nicht nur gute Weine macht, sondern auch gute Kopfschmerzen beim Schieben durch die Weinberge. Wieder in Puenta la Reina angekommen, habe ich hier die Richtung gewechselt, um den Somport-Pass zu erreichen. In Tiebas kam ich in einer nagelneuen Herberge unter. Wäsche waschen, in der Küche kochen, freies WiFi und fast alleine – so könnte es bleiben.

Erkenntnis des Tages: Campingplätze gehen mir tierisch auf den Keks.