Mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg und neue Website

Mitte Mai 2017 geht es los. Start ist in Berlin, wie immer am Brandenburger Tor. Ich werde über Würzburg (meiner Heimatstadt) entlang des Mains bis Mainz und weiter in Richtung Süden entlang des Rheins fahren. Bei Mühlhausen werde ich entlang der Doubs weiter zur Rhone fahren. In Le Puy en Veley (Frankreich) befinde ich mich bereits auf einem „traditionellen“ Jakobsweg. Weiter geht‘ s über die Pyrenäen bis Roncevalles um schließlich über Burgos und Leon in Santiago de Compostela anzukommen.

Ob ich auch wieder (wie gewohnt) zurück fahre ist derzeit noch offen …

Mehr über mich und meine letzten Touren erfahrt Ihr im Link zur neuen Website.

Never start stopping; never stop starting.

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Tag 168 bis 178 – Gutes Timing

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Route von Speyer nach Würzburg
Kilometer: 87,07
Fahrzeit: 6:46:06
km/h: 12,8

Insgesamt: 6.483 km
Wetter: Sonne
Location/Biwak/Camp: Würzburg

Bis jetzt hatte ich immer Glück mit dem Timing. In der Vorsaison durch Frankreich und Spanien und in der günstigeren Nachsaison durch Deutschland. Um das Ganze perfekt zu machen, bin ich jetzt zur Federweißenzeit (hier übrigens Bremser genannt) in den besten deutschen Weingebieten (ähm – ein bisschen Lokalpatriotismus muss einfach sein). In fast jeder Kneipe bzw. Restaurant bekommt man dieses süße „Abfallprodukt“ der Weinherstellung. Lässt sich trinken wie Limonade, wirkt wie Starkbier und macht angeblich eine schöne Haut.
In den letzten Tagen hatte ich wunderschönes Herbstwetter. Ab Mittags konnte ich sogar nur noch im T-Shirt fahren, während die „Einheimischen“ bis zum Ohrläppchen eingepackt sind. Allerdings ist es nachts max. 4 Grad warm … sehr ungemütlich, da das Zelt ständig nass ist und alle Klamotten irgendwie klamm. Ich habe mich noch nie so sehr auf eine Waschmaschine gefreut! Nur noch knapp 800 km bis Berlin! Die Entscheidung den Rhein und den Main entlang zu fahren hat sich auf jeden Fall gelohnt. Keine Steigungen, optimale Tagesetappen und bestes Wetter.
Ich bin wieder Pilger!
Nach der Pleite in Burgos (siehe Blog) holte ich mir auf dem Käppele in Würzburg meinen Pilgerstempel ab. Da es sich um ein Franziskanerkloster handelt, bekam ich als „echter Pilger“ ein sog. Almosen von 5,00 €! Wow – Wer hätte das gedacht, dass alte Traditionen noch leben.
Erkenntnis des Tages: Wo haben die hier nur diese Röhrenjeans her? Die waren schon out, als ich noch in Würzburg gewohnt habe!

Tag 151 bis 168 – 6.000 km mit dem Tretroller auf dem Jakobsweg

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Route von Le Puy nach Speyer

Kilometer: 100,39 (!)

Fahrzeit: 6:34:36

Ækm/h: 15,2

Insgesamt: 6.086,49 km

Wetter: Sonne, nur ein Tag Regen

Location/Biwak/Camp: Speyer

Hurra, ich habe es geschafft! Yes, I did it! Yeah! Ich bin zweimal durch ganz Frankreich gefahren, ohne auch nur einmal in Hundescheiße zu treten. Dafür habe ich den goldenen Touristikorden am Bande verdient und die Aufnahme in die Ehrenlegion inkl. Champagner-Empfang im Élysée-Palast. Naja, ich habe auch ein wenig geschummelt. Ich habe ja immer ein Bein auf dem Trittbrett und das andere bewegt sich so schnell, dass die Wahrscheinlichkeit eine der berühmten Tretminen zu treffen sehr gering ist und als Wahl-Berliner bin ich als Fußgänger in den Städten sowieso immer mit gesenktem Haupt unterwegs. Wer Frankreich kennt, kennt das Problem …

Tage der Gastfreundschaft

Auf der Suche nach einem Campingplatz oder Chambre D’Hotes gab es nach Le Puy immer wieder Probleme. Entweder es gab gar nichts oder alles war voll. So kam es, dass ich von „Wildfremden“ einfach nach Hause eingeladen worden bin. Eindeutige Aussagen: „Du bist verrückt, aber nicht gefährlich!“ Sofort wurde Pizza gebacken, ein Grillabend organisiert, ein Zimmer hergerichtet, Wein serviert, Freunde angerufen oder der beste Platz im Garten für mein Zelt zugewiesen. Ich habe sogar einen ganzen Abend Französisch „geredet“ (soweit möglich) ohne mir die Zunge zu brechen. Vielen Dank an dieser Stelle.

Globetrotter unter sich

Kurz nach Le Puy traf ich Heidi und Marcos (siehe Foto), die von Japan bzw. China unterwegs nach Santiago de Compostela sind. Mit dem Fahrrad über den sog. Hippie-Trail nach Europa gekommen, trafen wir uns an einer Tankstelle um  Luft für unsere Reifen zu tanken. Übrigens die Erste seit dem ich wieder in Frankreich bin! Eine willkommene Abwechslung und lockerer Small Talk unterwegs. Eines Morgens wachte ich auf, und fragte mich, ob es nicht möglich wäre, 100 km an einem Tag mit dem Tretroller zu fahren? Nicht ganz optimale Bedingungen: manchmal Gegenwind, einige leichte Nieselschauer und herbstliche Temperaturen machten mir auf der Strecke zw. Besançon und Montbeliard zu schaffen. Nach exakt 100,39 km sah ich ein Hotel. Ich fiel völlig fertig und ohne Essen ins Bett. Es geht also, aber ich brauche das nicht noch mal!!! Am nächsten Morgen traf ich im Hotel auf Pierre, einem Anwalt aus Quebec in Kanada. Er versicherte mir, dass er im Urlaub sei und ich keine Rechnung bekomme, wenn wir ein Stück gemeinsam nach Mulhouse fahren. Als hätte ich vom letzen Tag noch nicht genug, fuhren wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 18 km/h die 60 km bis zum Campingplatz in Mulhouse. Hier verabschiedeten wir uns, ich fuhr weiter bis Neuenburg am Rhein in Deutschland – insgesamt mehr als 86 km. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich kann nun wieder alle Schilder lesen, alkoholfreies Weisbier trinken und verstehe die Nachrichten im Fernsehen – also eigentlich verstehe ich gar nichts mehr. Kaum bin ich mal ein paar Monate nicht im Lande, steht die Welt Kopf: Sarrazin schafft Deutschland ab und probiert sich als SPD-Politiker in Eugenik und die CSU schafft die Wehrpflicht ab. Früher war das andersrum! Hey, was ist los mit Euch?

Erkenntnis des Tages: Ich will die alte bipolare Ordnung wieder haben! Es gibt Rechts, es gibt Links und irgendwo dazwischen stricken die Grünen einen Panzer – selbstverständlich für humanitäre Zwecke.

Tag 139 bis 150 – 5.000 km mit dem Tretroller auf dem Jakobsweg

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Route von Auch nach Le Puy en Veley

Kilometer: 61,61

Fahrzeit:4:32:40

Ækm/h: 13,5

Insgesamt: 5.168 km

Wetter: Sonne

Location/Biwak/Camp: Le Puy

Seit Tagen versuche ich an einer Tankstelle meine Reifen aufzupumpen. Normalerweise nehme ich die Luftpumpe dafür, aber manchmal möchte ich doch wissen, ob ich den richtigen Luftdruck drauf habe. Denkste! Entweder gibt es gar keine Luftdruckeinrichtung oder man muss einen Euro dafür bezahlen oder die Dinger sind kaputt. Wie pumpen die Franzosen eigentlich ihre Autoreifen auf? An jeder Tanke hatte ich dasselbe Problem. Ein echter Franzose zieht einmal kräftig an seiner Zigarette, pumpt den Reifen mit dem Mund auf, pinkelt in den Tank, fährt weiter und meldet sich bei der Fremdenlegion. Anders kann ich mir den Mangel an „Luftdruck“ nicht erklären …

Der Anschlag

Ich habe den Silvesterböller noch auf die Straße fliegen sehen. So konnte ich mich zumindest psychisch auf einen lauten Knall einstellen. Trotzdem bin ich weitergefahren und direkt neben mir hat es dann auch extrem lauf geknallt. Der Böller wurde aus einem Kleinlaster in Montauban gezielt auf mich geworfen. Dumm nur, dass die kommende Ampel auf Rot umgeschaltet hat. Mit viel zu viel Adrenalin im Blut, habe ich sie auf der Gegenfahrbahn eingeholt. Sie versuchten noch die zweite Spur zu nehmen – keine Chance! Bei 30 Grad (!) im Schatten wurden sofort alle Fenster hochgekurbelt und mich guckten drei Idioten etwas bedröppelt an. Laut brüllend (das kann ich richtig gut) hatte ich sofort die gesamte Aufmerksamkeit des Dorfes. Der laute Knall zuvor erklärte auch sofort die Situation. Aber Drei waren auch mir zu viel – nicht wirklich klug von mir … Wer nun vor wem Angst hatte bleibt dahingestellt, aber wenigsten bin ich meine Wut sofort losgeworden. Leider unterscheidet sich Frankreich hier in keiner Weise von allen anderen Ländern: In Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit haben die Menschen halt nur Sch… im Kopf. Fragt sich, was zu erst da war, die Henne oder das Ei?

In Caylus machte ich einen gezielten Stop, um mir die dortige kleine Kunstszene anzuschauen. Im ArtHouse Caylus fand ich einige Ideen für mein Anderes Leben. John und Grete McNorten führen hier ein Museum der Keramikkünstler Alan und Ruth Barret-Danes, geben Kurse und begleiten Künstler bei ihrer Arbeit. Lohnenswert!!!

Seit einigen Tagen treffe ich im Aubrac auch wieder Pilger. Klar, sie kommen mir immer noch entgegen und zweifeln an meinem Verstand, einen Tretroller die Berge hochzuschieben. In Le Puy en Velay angekommen, holten ich mir den Stempel für die Jakobspilger. Hier „beginnt“ der GR 65, der landschaftlich schönste Teil des gesamten Jakobsweges. Wer den nicht gemacht hat, war nie richtig pilgern …

Erkenntnis des Tages: Hier schließt sich der Kreis, denn 2004 musste ich hier wegen eines Rahmenbruchs am Fahrrad leider die Tour abbrechen.

Tag 119 bis 123 – Neue Wege

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Route von Burgos nach Tiebas

Kilometer: 75,59

Fahrzeit: 5:55:16

Ækm/h: 12,7

Insgesamt: 4.415 km

Wetter: Sonne, extrem heiß

Location/Biwak/Camp: Tiebas

Ich bin noch einen Tag in Burgos geblieben. So konnte ich mir eine neue Hose kaufen, die Kohlenhydratspeicher auffüllen und Fotos machen. Die Orientierung wird jetzt etwas schwieriger, denn Burgos ist einer der Orte, bei dem viele ihren Jakobsweg beginnen; d. h., mir kommen immer weniger Pilger entgegen. Dafür aber Amerikaner, Australier, Holländer usw., die sich immer sehr für den Tretroller interessieren oder fragen, ob alles in Ordnung ist. Na ja, ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Leider hat ganz Spanien Ferien, d. h., die Campingplätze sind völlig überfüllt. Quengelnde Kinder, schreiende Babys, notgeile Jugendliche, Partys ohne Zeitlimit. Sobald ich mit meinem Tretroller auftauche, holen alle Kinder ihren Tretroller raus. „Schau mal, ich habe auch einen!“ Und schon wird der Weg vor meinem Zelt zur Promenade – „Esta un loco alemano!“ – „Da gibt es einen verrückten Deutschen, der mit dem Tretroller aus Berlin hier hergekommen ist.“ Dann kommt der Chef, der ein paar Brocken Englisch kann – oder etwas Ähnliches – und stellt die üblichen Fragen. Ich erzähle natürlich, dass ich auf dem Rückweg bin. Die ein oder andere Mutti nimmt sofort ihr Kind an die Hand; der hat bestimmt einen umgebracht, weil der soviel Büßen muss …

Das Wetter ist extrem heiß, der Gegenwind ist mir treu geblieben. Kein Wunder, dass das La Rioja nicht nur gute Weine macht, sondern auch gute Kopfschmerzen beim Schieben durch die Weinberge. Wieder in Puenta la Reina angekommen, habe ich hier die Richtung gewechselt, um den Somport-Pass zu erreichen. In Tiebas kam ich in einer nagelneuen Herberge unter. Wäsche waschen, in der Küche kochen, freies WiFi und fast alleine – so könnte es bleiben.

Erkenntnis des Tages: Campingplätze gehen mir tierisch auf den Keks.

Tag 115 bis 118 – Gegenwind

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Route von Corrion de los Condes nach Burgos

Kilometer:49,42

Fahrzeit: 3:59:01

Ækm/h:12,4

Insgesamt: 4.192 km

Wetter: Sonne aber viel Wind

Location/Biwak/Camp: Burgos

Das Wetter könnte eigentlich nicht besser sein. Viel Sonne aber nicht wirklich heiß, da der Wind schnell abkühlt. Leider kommt er aus der falschen Richtung, wie immer von vorne. Es gibt nichts Schlimmeres als Gegenwind für Tretrollerfahrer. Du kickst wie ein Blödmann und kommst nicht voran. Sogar bergab muss ich kicken um überhaupt mal etwas Fahrt aufzunehmen. In der Ebene der Meseta musste ich manchmal absteigen und schieben, weil nichts mehr ging. Trotzdem bin ich gut und teilweise sogar auf dem Originalweg – also über die Berge und Schotterpisten – in Burgos angekommen. Bis über beide Ohren in Staub und Dreck gehüllt checkte ich diesmal in einem Hotel ein, um mal wieder einen Putz- und Flicktag einzulegen. Gut, dass man hier solche „Gestalten“ gewohnt ist, in Deutschland hätte ich da einige Probleme …

Ich bin kein Pilger mehr!?

Als ich meinen Pilgerausweis beim Eintritt in die Kathedrale von Burgos vorzeigte, sagte mir der Ticketfuzzi, dass ich als Rückkehrer den normalen Eintritt (5,00 €) zahlen müsste, statt den für Pilger ermäßigten Eintritt (2,50 €). Das Ganze in einem extrem patzigen und für Burgos ungewöhnlich genuschelten Spanisch und noch mal in schlechtem Englisch. Er wollte mir einfach kein ermäßigtes Ticket geben. Bayerischer Dickkopf trifft auf spanischen Korinthenkacker – Das kann nicht gut gehen. Wie, ich bin kein Pilger mehr? Buen Viaje statt Buen Camino! Wenn hier einer ein“ richtiger Pilger“ ist, dann ja wohl ich! Zurück fliegen kann jeder … In den Internetforen wird ja schon diskutiert, ob jemand der in Pamplona startet überhaupt noch ein „richtiger Pilger“ ist. Nach fast 4.200 km hatte ich die spanische Willkür einfach satt. Ich setzte mein freundlichstes Pilgerlächeln auf und sagte für alle hörbar „Fuck You“. Nicht nett aber der Situation, meiner Verfassung und der eigenwilligen Pilger-Bürokratie angemessen. Aber, Aufgeben ist nicht mein Ding. Ich erinnere an meinen letzten Blogbeitrag und die neuen Schuhe. In festem Vertrauen darauf, dass in Spanien am Nachmittag nichts mehr so ist wie am Vormittag und der Ticketfuzzi bestimmt in der Siesta ist, ging ich noch mal in die Kathedrale. Nicht ohne vorher das Wort „Warum?“ auf Spanisch nachzuschlagen, um es möglichst oft und laut zu fragen. Doch es kam völlig anders. Als ich reinkam, fragte mich eine Dame (das gesamte Personal hatte  mittlerweile gewechselt) sehr freundlich, welche Sprache ich spreche. Auf Deutsch erklärte sie mir dann, dass der Eintritt heute frei (!) ist und ich nur noch meinen Rucksack einschließen müsste. Noch ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte ich schon das kostenlose Ticket in der Hand. Ich werde Spanien nie verstehen. Bitte versteht mich nicht falsch. Der Eintritt von 5,00 € ist absolut gerechtfertigt. Die Kathedrale ist sehr aufwendig restauriert worden und die zusätzlichen Ausstellungen sind wirklich sehenswert. Wer nach Burgos kommt, kommt unter einer Stunde für diese Kirche nicht aus, was schon sehr ungewöhnlich (auch für mich) ist.

Erkenntnis des Tages: Es gibt immer einen dritten Weg!

Tag 107 bis 114 – Geisterfahrer

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Route von Villafranca nach Carrion de los Condes

Kilometer: 57,77

Fahrzeit: 4:41:20

Ækm/h: 13,2

Insgesamt: 4.100 km

Wetter: Sonnebrandwetter

Location/Biwak/Camp: Carrion de los Condes

Für alle die sich zu spät eingeschaltet haben. Wir haben immer noch dieselbe Regierung (selbst schuld), Spanien ist Weltmeister geworden (auch selbst schuld) und ich bin auf der Rückfahrt (das kann ich leider niemanden in die Schuhe schieben). Ich bin seit dem 01. April mit dem Tretroller von Berlin aus auf dem Jakobsweg. Der Roller wiegt 66 kg, mit mir 150 kg (obwohl ich schon über 15 kg abgenommen habe), ich wechsel natürlich Stand- und Schwungbein alle sieben „Schritte“ und JA es ist anstrengender als Laufen oder Fahrrad fahren – gilt übrigens auch für die Abfahrten, da ich mit nur einem Bein 150 kg bei ca. 50 km/h ausbalancieren muss. Der Rückweg führt mich bis Puenta la Reina auf dem Camino Frances. Danach geht es auf den Somport-Pass nach Lourdes (sicher ist sicher) und weiter auf dem GR 65 bis Le Puy. Die Rhone hinauf bis zur Doubs, dieser und einem Kanal folgend bis zum Rhein. Um den 20. September 2010 möchte ich zum Oktoberfest in München sein. O’ Zapft is! Ich bin also z. Z. als Geisterfahrer in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Manchmal halten Autofahrer an, um mir die richtige Richtung zu zeigen. Wenn ich nach dem Weg frage, muss ich immer gleich hinzufügen „Yo regresso a Alemania“ – „Ich fahre zurück nach Deutschland“, sonst schickt man mich wieder zurück zurück. Heh, zurück zurück – auch mir fällt es manchmal schwer, in meinem Reiseführer und Kartenmaterial zurückzublättern bzw. dann die richtige Richtung zu finden.

Über die (…zensiert…) Schuhe, die ich mir in Santiago de Compostela gekauft habe, habe ich mich bereits im letzen Blog ausgelassen. Nicht nur deshalb habe ich in El Acebo drei Tage Pause gemacht und dringende Reparaturen am Tretroller vorgenommen (Achter vorne und hinten, Schutzblech, Bremsen etc.) und die Schuhe mit dem Hammer solange verdroschen/verprügelt/geschunden/geschlagen/gequält, bis sie endlich aufgaben. Folge: Die Mistdinger sehen jetzt nicht mehr wirklich neu aus, aber ich habe keine Blasen mehr. Einer von uns beiden musste aufgeben – ich gebe niemals auf … an dieser Stelle ein großes Dankeschön an La Rosa del Agua, dass ich die Garage bzw. Werkstatt benutzen durfte. Wahrscheinlich gehe ich in die Dorfgeschichte ein, als „Der mit den Schuhen schimpft“ – El loco hombre con partinette y bolsa rotta.

Pilgergaffen

Ich nutzte natürlich die drei Tage auch, um meiner Lieblingsbeschäftigung nach zu gehen: Pilgergaffen, ein nicht besonders nettes Wort für den wissenschaftlichen Tatbestand des Beobachtens und Beschreibens als Methode in der Psychologie und Soziologie. Als „Günther Wallraff“ unter den Pilgern. Wenn ich von jedem/jeder PilgerIn für das richtige Einstellen der Teleskopstöcke nur einen Euro bekommen würde, könnte ich hier leben wie der König von Spanien und die meisten Pilger hätten keine Knieprobleme mehr. Wanderstock bzw. Pilgerstab oder Teleskopstöcke sehe ich hier oft eher als nettes Mitbringsel, das man irgendwie vor sich hinstreckt, aber nicht als Gehhilfe. Ich gebe zu, El Acebo ist nicht gut gewählt, denn es ist das erste Dorf nach dem Auf- und Abstieg vom Cruz de Ferro (über 1.300 m). Folglich humpelt hier jeder Zweite. Aber vom Balkon aus kann man direkt auf die erste Wasserstelle schauen und besonders gut fotografieren. Einen weiteren Euro für eine Kurzeinweisung, wie man einen Rucksack richtig packt und ich wäre innerhalb einer Saison Millionär. Was da an den Rucksäcken rumbaumelt, die Lenden quetscht, die Schultern nach hinten zieht, den Kopf nach vorne drückt oder einfach nur das ganze Ding völlig schief hängt ist echt unglaublich. Man sollte einen Rucksackführerschein einführen und eine Pilgerpolizei, die das kontrolliert und entsprechend maßregelt. Spaß beiseite, die meisten haben damit ein echtes Problem und sind leider selbst schuld. Am besten sind die Franzosen: Immer in der Gruppe (sonst nur Italiener und Japaner), meistens mit dem Raidlight-Zeugs (ist echt super, habe ich auch, aber nur für einen Ultra-Wüstenmarathon von max. sechs Tagen geeignet und nicht mit viel Gepäck für vier Wochen auf dem Jakobsweg) und singen ständig. Was soll das? Kommen nach Spanien, wundern sich, dass hier niemand Französisch spricht, dafür aber Englisch. Völlig hilflos und singend tappeln sie mit übervollen Leichtrucksäcken durch das Land und überlegen – hoffentlich -, ob sie nicht doch mal ein paar Brocken Englisch lernen sollten. Ich bewundere auch die Holländer. Mit völlig abgefuckten Fahrrädern und Satteltaschen, immer gut drauf, Multi-Lingual und mit extrem wenig Gepäck unterwegs. Fragt man einen Holländer, ob er Deutsch spricht, sagt er nicht ja, sondern auch! Das nenne ich gelebte Weltoffenheit. Deutsche Pilger: Ordentlich gepackter Rucksack (meistens zu groß), Markenklamotten (selten dreckig), alle denselben Reiseführer (natürlich stets zur Hand) und immer das große Warum im Gesicht. Warum tue ich mir das an? Warum Spanien? Warum haben die Geschäfte jetzt geschlossen? Warum spricht hier keiner Englisch? Warum mit dem Tretroller? Warum hast du soviel Gepäck dabei? Warum hast Du keine Kinder? Warum bist nicht bis Finesterra gefahren? Warum fährst Du nicht so zurück, wie Du gekommen bist? Naja, wer nicht fragt, bleibt dumm – Warum?

Erkenntnis des Tages: Sorry little baby, but I always take the long way home.