Tag 124 bis 138 – Materialermüdung II

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Route von Tiebas bei Pamplona nach Auch in Frankreich

Kilometer: 38,20

Fahrzeit: 2:39:54

Ækm/h: 14,3

Insgesamt: 4.760 km

Wetter: alles

Location/Biwak/Camp: Auch (F)

Ich kann verstehen, warum manche Jakobspilger lieber über den längeren und schwierigeren Somport-Pass gehen. Er ist landschaftlich der Schönere. Im Gegensatz zu Ronceval hat man hier keinen Tunnelblick durch dichten Wald, sondern – gutes Wetter vorausgesetzt – eine herrliche Fernsicht. Ich wollte den Foto gar nicht mehr aus der Hand nehmen. Die erste größere Stadt in Spanien ist gemütlich und man kann hier fehlendes Equipment nachkaufen. Im Gegensatz zu Pamplona, das einen mit einem Industriegebiet begrüßt. Auch ich nutzte Jaca – allerdings als letzte spanische Stadt – um mir eine neue Speiche zu besorgen. Schon vor einigen Tagen hörte ich ein komisches Knacken. Leider konnte ich es nicht zuordnen. Ich bin also mindestens 80 km mit gebrochener Speiche gefahren. Beim routinemäßigen Aufpumpen der Reifen bemerkte ich dann das Dilemma. Dummerweise hat der Tretrollerreifen das eher exotische Maß von 26,0 inch statt 26,5 inch. Also musste mir der Taller (so nennt man hier die Bastler) im Fahrradladen eine Speiche kürzen. Hätte ich selbst nicht machen können, da mir Zange und Elektroschleifer fehlten, um das Gewinde wieder funktionsfähig zu machen. Als der meinen Tretroller sah, bekam ich eine große und die gekürzte kleinere Speiche umsonst. Weitere fast 150 km fuhr ich also ohne Speiche Richtung Pau in Frankreich. In freudiger Erwartung einer nächsten Panne, diesmal war das Ventil kaputt, baute ich auch erst dann die neue Speiche ein. Passt genau zusammen mit einem weiteren neuen Schlauch. Langsam aber sicher nervt es, die Fehler von anderen auszubaden! So konnte ich dann wieder die Pyrenäen runterkacheln ohne bei  jeder Bodenwelle die Luft anzuhalten und mich geistig auf einen Totalcrash vorzubereiten. Den Somport-Pass empfand ich als Spaziergang. Gut gelaunt und bei bester Kondition bin ich die 1.640 m den Tretroller schiebend raufgerannt. Das war dann wohl etwas zu viel für mich … denn in Pau war die Luft endgültig raus. Nichts ging mehr. Keine Kraft mehr in den Beinen. Eine dringende Pause von mindestens fünf Tagen war genau das Richtige für mich. Bei dieser Gelegenheit warf ich auch gleich noch mein gutes Merinowolle-Shirt in den Abfalleimer. Es bestand eigentlich nur noch aus Löchern. Wahrscheinlich hat es die ständige Handwäsche nicht vertragen. Es ist zwar richtig, dass Merinowolle nicht so schnell riecht, wie synthetisches Gewebe; aber wie immer trifft auch diese Regel nicht für Tretrollerfahrer zu. Bereits nach 20 Minuten ist das Hemd durchgeschwitzt – ja, ja, ich weiß, ich bin ein Angeber, aber Tretrollerfahren ist nun mal anstrengender als Wandern, Laufen, Fahrradfahren, Reiten, Skaten usw. Was mache ich also mit dem Rest des Tages und einem durchgeschwitzten Hemd? Richtig, weiter schwitzen … und dann nützt auch der angeblich natürliche Fettgehalt der Wolle nichts mehr!

Gut erholt ging es langsam aber kontinuierlich Richtung Auch. Die „Heimatstadt“ der Musketiere und Station auf dem Jakobsweg der Italiener in der wunderschönen Gascongne.

Statt einer Erkenntnis des Tages, ein kurzer Wortwechsel mit der Heimat: „Wenn ich nach Hause komme, muss ich mal wieder ordentlich auf den Tisch hauen!“ Antwort: „Was für‘ n Tisch?“

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Tag 119 bis 123 – Neue Wege

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Route von Burgos nach Tiebas

Kilometer: 75,59

Fahrzeit: 5:55:16

Ækm/h: 12,7

Insgesamt: 4.415 km

Wetter: Sonne, extrem heiß

Location/Biwak/Camp: Tiebas

Ich bin noch einen Tag in Burgos geblieben. So konnte ich mir eine neue Hose kaufen, die Kohlenhydratspeicher auffüllen und Fotos machen. Die Orientierung wird jetzt etwas schwieriger, denn Burgos ist einer der Orte, bei dem viele ihren Jakobsweg beginnen; d. h., mir kommen immer weniger Pilger entgegen. Dafür aber Amerikaner, Australier, Holländer usw., die sich immer sehr für den Tretroller interessieren oder fragen, ob alles in Ordnung ist. Na ja, ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Leider hat ganz Spanien Ferien, d. h., die Campingplätze sind völlig überfüllt. Quengelnde Kinder, schreiende Babys, notgeile Jugendliche, Partys ohne Zeitlimit. Sobald ich mit meinem Tretroller auftauche, holen alle Kinder ihren Tretroller raus. „Schau mal, ich habe auch einen!“ Und schon wird der Weg vor meinem Zelt zur Promenade – „Esta un loco alemano!“ – „Da gibt es einen verrückten Deutschen, der mit dem Tretroller aus Berlin hier hergekommen ist.“ Dann kommt der Chef, der ein paar Brocken Englisch kann – oder etwas Ähnliches – und stellt die üblichen Fragen. Ich erzähle natürlich, dass ich auf dem Rückweg bin. Die ein oder andere Mutti nimmt sofort ihr Kind an die Hand; der hat bestimmt einen umgebracht, weil der soviel Büßen muss …

Das Wetter ist extrem heiß, der Gegenwind ist mir treu geblieben. Kein Wunder, dass das La Rioja nicht nur gute Weine macht, sondern auch gute Kopfschmerzen beim Schieben durch die Weinberge. Wieder in Puenta la Reina angekommen, habe ich hier die Richtung gewechselt, um den Somport-Pass zu erreichen. In Tiebas kam ich in einer nagelneuen Herberge unter. Wäsche waschen, in der Küche kochen, freies WiFi und fast alleine – so könnte es bleiben.

Erkenntnis des Tages: Campingplätze gehen mir tierisch auf den Keks.

Tag 115 bis 118 – Gegenwind

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Route von Corrion de los Condes nach Burgos

Kilometer:49,42

Fahrzeit: 3:59:01

Ækm/h:12,4

Insgesamt: 4.192 km

Wetter: Sonne aber viel Wind

Location/Biwak/Camp: Burgos

Das Wetter könnte eigentlich nicht besser sein. Viel Sonne aber nicht wirklich heiß, da der Wind schnell abkühlt. Leider kommt er aus der falschen Richtung, wie immer von vorne. Es gibt nichts Schlimmeres als Gegenwind für Tretrollerfahrer. Du kickst wie ein Blödmann und kommst nicht voran. Sogar bergab muss ich kicken um überhaupt mal etwas Fahrt aufzunehmen. In der Ebene der Meseta musste ich manchmal absteigen und schieben, weil nichts mehr ging. Trotzdem bin ich gut und teilweise sogar auf dem Originalweg – also über die Berge und Schotterpisten – in Burgos angekommen. Bis über beide Ohren in Staub und Dreck gehüllt checkte ich diesmal in einem Hotel ein, um mal wieder einen Putz- und Flicktag einzulegen. Gut, dass man hier solche „Gestalten“ gewohnt ist, in Deutschland hätte ich da einige Probleme …

Ich bin kein Pilger mehr!?

Als ich meinen Pilgerausweis beim Eintritt in die Kathedrale von Burgos vorzeigte, sagte mir der Ticketfuzzi, dass ich als Rückkehrer den normalen Eintritt (5,00 €) zahlen müsste, statt den für Pilger ermäßigten Eintritt (2,50 €). Das Ganze in einem extrem patzigen und für Burgos ungewöhnlich genuschelten Spanisch und noch mal in schlechtem Englisch. Er wollte mir einfach kein ermäßigtes Ticket geben. Bayerischer Dickkopf trifft auf spanischen Korinthenkacker – Das kann nicht gut gehen. Wie, ich bin kein Pilger mehr? Buen Viaje statt Buen Camino! Wenn hier einer ein“ richtiger Pilger“ ist, dann ja wohl ich! Zurück fliegen kann jeder … In den Internetforen wird ja schon diskutiert, ob jemand der in Pamplona startet überhaupt noch ein „richtiger Pilger“ ist. Nach fast 4.200 km hatte ich die spanische Willkür einfach satt. Ich setzte mein freundlichstes Pilgerlächeln auf und sagte für alle hörbar „Fuck You“. Nicht nett aber der Situation, meiner Verfassung und der eigenwilligen Pilger-Bürokratie angemessen. Aber, Aufgeben ist nicht mein Ding. Ich erinnere an meinen letzten Blogbeitrag und die neuen Schuhe. In festem Vertrauen darauf, dass in Spanien am Nachmittag nichts mehr so ist wie am Vormittag und der Ticketfuzzi bestimmt in der Siesta ist, ging ich noch mal in die Kathedrale. Nicht ohne vorher das Wort „Warum?“ auf Spanisch nachzuschlagen, um es möglichst oft und laut zu fragen. Doch es kam völlig anders. Als ich reinkam, fragte mich eine Dame (das gesamte Personal hatte  mittlerweile gewechselt) sehr freundlich, welche Sprache ich spreche. Auf Deutsch erklärte sie mir dann, dass der Eintritt heute frei (!) ist und ich nur noch meinen Rucksack einschließen müsste. Noch ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte ich schon das kostenlose Ticket in der Hand. Ich werde Spanien nie verstehen. Bitte versteht mich nicht falsch. Der Eintritt von 5,00 € ist absolut gerechtfertigt. Die Kathedrale ist sehr aufwendig restauriert worden und die zusätzlichen Ausstellungen sind wirklich sehenswert. Wer nach Burgos kommt, kommt unter einer Stunde für diese Kirche nicht aus, was schon sehr ungewöhnlich (auch für mich) ist.

Erkenntnis des Tages: Es gibt immer einen dritten Weg!

Tag 107 bis 114 – Geisterfahrer

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Route von Villafranca nach Carrion de los Condes

Kilometer: 57,77

Fahrzeit: 4:41:20

Ækm/h: 13,2

Insgesamt: 4.100 km

Wetter: Sonnebrandwetter

Location/Biwak/Camp: Carrion de los Condes

Für alle die sich zu spät eingeschaltet haben. Wir haben immer noch dieselbe Regierung (selbst schuld), Spanien ist Weltmeister geworden (auch selbst schuld) und ich bin auf der Rückfahrt (das kann ich leider niemanden in die Schuhe schieben). Ich bin seit dem 01. April mit dem Tretroller von Berlin aus auf dem Jakobsweg. Der Roller wiegt 66 kg, mit mir 150 kg (obwohl ich schon über 15 kg abgenommen habe), ich wechsel natürlich Stand- und Schwungbein alle sieben „Schritte“ und JA es ist anstrengender als Laufen oder Fahrrad fahren – gilt übrigens auch für die Abfahrten, da ich mit nur einem Bein 150 kg bei ca. 50 km/h ausbalancieren muss. Der Rückweg führt mich bis Puenta la Reina auf dem Camino Frances. Danach geht es auf den Somport-Pass nach Lourdes (sicher ist sicher) und weiter auf dem GR 65 bis Le Puy. Die Rhone hinauf bis zur Doubs, dieser und einem Kanal folgend bis zum Rhein. Um den 20. September 2010 möchte ich zum Oktoberfest in München sein. O’ Zapft is! Ich bin also z. Z. als Geisterfahrer in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Manchmal halten Autofahrer an, um mir die richtige Richtung zu zeigen. Wenn ich nach dem Weg frage, muss ich immer gleich hinzufügen „Yo regresso a Alemania“ – „Ich fahre zurück nach Deutschland“, sonst schickt man mich wieder zurück zurück. Heh, zurück zurück – auch mir fällt es manchmal schwer, in meinem Reiseführer und Kartenmaterial zurückzublättern bzw. dann die richtige Richtung zu finden.

Über die (…zensiert…) Schuhe, die ich mir in Santiago de Compostela gekauft habe, habe ich mich bereits im letzen Blog ausgelassen. Nicht nur deshalb habe ich in El Acebo drei Tage Pause gemacht und dringende Reparaturen am Tretroller vorgenommen (Achter vorne und hinten, Schutzblech, Bremsen etc.) und die Schuhe mit dem Hammer solange verdroschen/verprügelt/geschunden/geschlagen/gequält, bis sie endlich aufgaben. Folge: Die Mistdinger sehen jetzt nicht mehr wirklich neu aus, aber ich habe keine Blasen mehr. Einer von uns beiden musste aufgeben – ich gebe niemals auf … an dieser Stelle ein großes Dankeschön an La Rosa del Agua, dass ich die Garage bzw. Werkstatt benutzen durfte. Wahrscheinlich gehe ich in die Dorfgeschichte ein, als „Der mit den Schuhen schimpft“ – El loco hombre con partinette y bolsa rotta.

Pilgergaffen

Ich nutzte natürlich die drei Tage auch, um meiner Lieblingsbeschäftigung nach zu gehen: Pilgergaffen, ein nicht besonders nettes Wort für den wissenschaftlichen Tatbestand des Beobachtens und Beschreibens als Methode in der Psychologie und Soziologie. Als „Günther Wallraff“ unter den Pilgern. Wenn ich von jedem/jeder PilgerIn für das richtige Einstellen der Teleskopstöcke nur einen Euro bekommen würde, könnte ich hier leben wie der König von Spanien und die meisten Pilger hätten keine Knieprobleme mehr. Wanderstock bzw. Pilgerstab oder Teleskopstöcke sehe ich hier oft eher als nettes Mitbringsel, das man irgendwie vor sich hinstreckt, aber nicht als Gehhilfe. Ich gebe zu, El Acebo ist nicht gut gewählt, denn es ist das erste Dorf nach dem Auf- und Abstieg vom Cruz de Ferro (über 1.300 m). Folglich humpelt hier jeder Zweite. Aber vom Balkon aus kann man direkt auf die erste Wasserstelle schauen und besonders gut fotografieren. Einen weiteren Euro für eine Kurzeinweisung, wie man einen Rucksack richtig packt und ich wäre innerhalb einer Saison Millionär. Was da an den Rucksäcken rumbaumelt, die Lenden quetscht, die Schultern nach hinten zieht, den Kopf nach vorne drückt oder einfach nur das ganze Ding völlig schief hängt ist echt unglaublich. Man sollte einen Rucksackführerschein einführen und eine Pilgerpolizei, die das kontrolliert und entsprechend maßregelt. Spaß beiseite, die meisten haben damit ein echtes Problem und sind leider selbst schuld. Am besten sind die Franzosen: Immer in der Gruppe (sonst nur Italiener und Japaner), meistens mit dem Raidlight-Zeugs (ist echt super, habe ich auch, aber nur für einen Ultra-Wüstenmarathon von max. sechs Tagen geeignet und nicht mit viel Gepäck für vier Wochen auf dem Jakobsweg) und singen ständig. Was soll das? Kommen nach Spanien, wundern sich, dass hier niemand Französisch spricht, dafür aber Englisch. Völlig hilflos und singend tappeln sie mit übervollen Leichtrucksäcken durch das Land und überlegen – hoffentlich -, ob sie nicht doch mal ein paar Brocken Englisch lernen sollten. Ich bewundere auch die Holländer. Mit völlig abgefuckten Fahrrädern und Satteltaschen, immer gut drauf, Multi-Lingual und mit extrem wenig Gepäck unterwegs. Fragt man einen Holländer, ob er Deutsch spricht, sagt er nicht ja, sondern auch! Das nenne ich gelebte Weltoffenheit. Deutsche Pilger: Ordentlich gepackter Rucksack (meistens zu groß), Markenklamotten (selten dreckig), alle denselben Reiseführer (natürlich stets zur Hand) und immer das große Warum im Gesicht. Warum tue ich mir das an? Warum Spanien? Warum haben die Geschäfte jetzt geschlossen? Warum spricht hier keiner Englisch? Warum mit dem Tretroller? Warum hast du soviel Gepäck dabei? Warum hast Du keine Kinder? Warum bist nicht bis Finesterra gefahren? Warum fährst Du nicht so zurück, wie Du gekommen bist? Naja, wer nicht fragt, bleibt dumm – Warum?

Erkenntnis des Tages: Sorry little baby, but I always take the long way home.

Tag 101 bis 106 – Die Rückfahrt beginnt

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Route von Santiago nach Villafranca

Kilometer: 26,48

Fahrzeit: 3:28:34

Ækm/h: 7,6

Insgesamt: 3.865 km

Wetter: Sonne, heiß – in den Bergen Regen

Location/Biwak/Camp: Villafranca

Eigentlich dachte ich, die Sache mit dem Büßen wäre jetzt vorbei, jetzt kommt der Spaß. Aber leider entpuppten sich die neuen Schuhe als echte Büßerlatschen. Beide Hacken sind wund gelaufen, beide Füße haben Druckstellen und sind teilweise taub. Selbst bei der Bundeswehr in den schlechtesten Stiefeln der Welt habe ich mir keine Blasen gelaufen. Mal sehen, ob ich in Leon neue Schuhe kaufen kann. Die Alten habe ich aus hygienischen Gründen noch vor Ort entsorgt. Blöder Fehler, denn stinken tut bekanntlich nicht weh …

Am letzen Tag in Santiago bin ich noch durch das Seitenportal der Kathedrale gegangen. Dieses wird nur im Heiligen Jahr geöffnet und garantiert den Ablass – den Rest der Zeit ist es zugemauert und wird erst wieder 2024 geöffnet. Böse Zungen behaupten ja, ich baue mit der Rückfahrt schon mal vor … man weiss ja nie! Mal eben eine Stunde warten auf Absolution. Ich hasse warten …

Auf dem Rückweg kam ich wieder bei „Die zwei Deutsch“ in O Coto vorbei. Die Mama war lange Zeit mit der Familie in Stuttgart und spricht noch gut Deutsch. Sie zeigte mir einen in Deutschland sehr bekannten Reiseführer, in dem falsche Angaben über das Hotel gemacht worden sind. Leider auf dem Jakobsweg ein häufiger Fehler – ich glaube, dass viele Autoren gar nicht vor Ort recherchieren, sondern einfach irgendeinen Müll aus dem Internet abschreiben. Dort steht: Nicht alle Zimmer sind gut und ein DZ kostet ab 55,00 €. Richtig ist (und vor Ort recherchiert!) ein DZ kostet ab 40,00 € ein EZ kostet ab 30,00 € und liegt damit sogar unter dem Durchschnitt. Alle Zimmer sind gut und vor allem sauber! Vorteil an O Coto: Wer dem Pilgerrummel entgehen möchte, hat hier die größten Chancen. Es liegt direkt am Rad- und Fußpilgerweg zw. den Stationen Palas de Rei und Melide. Also nicht jeden Unfug glauben, der geschrieben steht (auch wenn der Autor einen Dr. Titel vor sich her trägt). Gilt natürlich nicht für diesen Blog, ist doch klar – oder?

Die Orientierung ist z. Z. einfach. Einfach den Massen entgegen fahren. Aber: Aufpassen, denn bis so ein Pilger merkt, dass ich zurückfahre, einen Tretroller habe und ich manchmal wg. des Verkehrs nicht ausweichen kann, kann es schon zu spät sein … eine Kollision auf dem Rückweg ist nicht ausgeschlossen. Ich kann gut verstehen, dass man so kurz vor dem Ziel nicht mehr ganz aufnahmefähig ist. Bei der Abfahrt vom O Cebreiro lernte ich dann Erika und Willi aus Tirol kennen. Auch sie sind mit dem Tretroller unterwegs. Es gibt also noch mehr Verrückte auf der Welt. Z. B. eine Texanerin, die eine Harfe (ja, ein sehr empfindliches Musikinstrument) auf einem Wanderanhänger hinter sich her zieht … Fans keltischer Klänge kommen hier auf ihre Kosten – in Galizien sowieso.

In Sarria hatte ich dann den dritten Platten dieser Reise. Eigentlich lächerlich, aber beim Rausnehmen des Schlauches, merkte ich, dass auch dieser irgendwie zu dünn bzw. zu klein für die Reifen ist. Ich glaube ich muss mit dem Verkäufer noch mal ein ernstes Wörtchen reden! Mal sehen was er dazu sagt!?

Erkenntnis des Tages: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!

Tag 95 bis 100 – Ankunft in Santiago de Compostela

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Route von Villafranca nach Santiago de Compostela

Kilometer: 71,4

Fahrzeit: 5:43:20

Ækm/h: 12,4

Insgesamt: 3.670 km

Wetter: Sonne, sehr heiß

Location/Biwak/Camp: Santiago de Compostela

Bei der Abfahrt in Villafranca ging es entlang der Autobahn und drum herum. Doch schon bald ging es extrem steil bergan. Kurz vor dem Gipfel O Cebreiro in La Laguna gestoppt. Nichts ging mehr. Die Klamotten waren komplett durchgeschwitzt. Die Hände waren schon ganz schrumpelig wegen des Schweißes und sahen aus, als hätte ich sie für zehn Minuten in die Mikrowelle gehalten. Hier konnte ich die Waschmaschine benutzen, um wieder mal ein bisschen Zivilisation in mein Leben zu bringen. So ging es die nächsten Tage weiter. Meistens schon kurz nach der Abfahrt war alles klebrig. Einziger Trost: Wo es rauf geht, geht es auch wieder runter und meistens ist der Blick vom Gipfel fabelhaft und einzigartig! Die Reise hat sich also insofern gelohnt. Die Ankunft in Santiago war wenig spektakulär. Die Stadt war heiß, dreckig und laut. Nach fast einer Stunde Wartezeit, habe ich im Pilgerbüro auch meine Compostela erhalten und bin nun absolut sündenfrei. Na also, geht doch. Nach 99 Tagen und 3.670 km mit dem Tretroller wohlverdiente totale Absolution – den Zählerstand auf Null gestellt. Ich war leider so fertig, dass ich mich drüber kaum freuen konnte. Erst am nächsten Tag, kam Freude und eine gute Portion Hochstimmung auf. Noch ein Mal zeigten die Pilger direkt vor der Kathedrale ihre wunden Füße. Eine ganze Stadt humpelt. Nur wenige Touristen sind unbeschwert und haben sichtlich Freude am Pilgerslalom. Ich gebe zu, ich auch. Nach über 3.000 km spürt man seine Füße nicht mehr und kann um humpelnde Pilger locker im Slalom drum herum laufen. Dieser Slalom begann für mich bereits in Portomarin, denn ab hier sind es nur noch 100km, die ein Fußpilger zurücklegen muss um die Compostela zu erreichen. Eine Fahrradklingel ruft bei Spaniern übrigens nur Verwunderung hervor und ist somit nutzlos. Alles, was nicht mindestens 100 dB hat, ist für Spanier nicht vernehmbar. Aber ein lautes „Perdona!“ hilft immer. Am liebsten sind mir die Turnschuh- und/oder Samsonite-Pilger. Lediglich ein Windjäckchen, ein Handtäschchen, ein Goldkettchen und einen Mordsprügel von Wanderstock (fränkisch für sehr groß) begleiten diese „Pilger“. Der Rest wird von einem Reiseunternehmen, Freunden oder Taxis befördert. Trotzdem sehen diese „Pilger“ aus, als wären sie den gesamten Weg von Frankreich bis Santiago gelaufen oder hätten ihren Koffer bis dorthin gezogen. Dies gilt übrigens für alle Nationen, es gibt keine Ausnahmen. Sie erhalten die gleiche Compostela (siehe Foto), wie alle anderen auch. Aufgrund dieses Pilgerandrangs ist Santiago ein einziger Souvenirladen. Hier gibt es alles, was mit der Muschel und dem Pilgerweg zu tun hat. Allerdings auch noch die heidnischen Bräuche der Kelten, also Hexenkult und Runenzeichen. Hat mich ehrlich gesagt verwundert, aber schließlich waren die Kelten früher da als die Christen. Auch in Deutschland sind auf ehemaligen keltischen Kultplätzen einfach christliche Kirchen gebaut worden. Galizien lässt sich diese Kultur (im Gegensatz zu uns) nicht einfach nehmen – und das ist auch gut so!

Und weil es so schön war, fahre ich morgen mit dem Tretroller wieder zurück. Das bedeutet, zum Friseur gehen (war dringend nötig), neue Schuhe kaufen (war noch dringender nötig) und alle unnötigen Sachen (Souvenirs, Reiseführer, Compostela etc.) mit der Post nach Deutschland schicken.

Erkenntnis des Tages (anlässlich meiner Entscheidung zurückzufahren und dem 0:1 gegen Spanien): Teamplayer kommen ins Halbfinale, Fighter ins Finale!

Also dranbleiben, nicht abschalten, weiterlesen und bitte etwas mehr qualitative Kommentare!

Tag 92 bis 94 – Solocrafting

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Route von El Acebo nach Villafranca

Kilometer: 45,56

Fahrzeit: 3:11:26

Ækm/h: 14,2

Insgesamt: 3.477 km

Wetter: Sonne abends Regen

Location/Biwak/Camp: Villafranca

In den Bergen war es bei der Abfahrt noch relativ kühl. So folgte eine rasante Abfahrt nach Ponferrada. Die Finger schmerzten vom dauernden Bremsen über elf Kilometer bis zur Templerburg. Eine kurze Besichtigung (lohnt sich leider nicht) und weiter ging es bis Villafranca. Hier noch mal eine kurze Pause einlegen, bevor es auf den über 1.300 m hohen O Cebreiro-Pass geht.

„Na, auch keine Lust auf Pilgerherberge? Ja, ich muss mein Selbstgespräch von heute Morgen noch zu Ende führen!“ So und ähnlich hören sich Gespräche an, wenn es um die Wahl geht, Herberge, Hotel bzw. Campingplatz oder sog. Wildes Zelten. Eine passende Antwort fand ich bei Paulo Coelho bzw. Rüdiger Nehberg: „Wenn Du in einer Gruppe reist, simulierst Du nur eine Reise in ein anderes Land, bei der Du weiter Deine Muttersprache sprichst, den Weisungen des Leithammels folgst und Dich mehr um den Klatsch und Tratsch in der Gruppe als um den Ort kümmerst, den Du besuchst.“ Ich bin gezwungen, jeden Tag Spanisch, Französisch oder wenigstens Englisch zu sprechen. Keiner muss auf mich Rücksicht nehmen – ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Manchmal fahre ich fast 100 km, manchmal nur 20 km. Ich schiebe meinen Tretroller mit ca. 6,5 km/h die Berge hoch – total bescheuert, aber mir macht es Spaß; das schaffen die meisten Wanderer in der Ebene nicht mit leichtem Rucksack. Trotzdem kann ich am nächsten Tag völlig bewegungslos in einem Hotelzimmer abhängen, lesen und Musik hören. Es ist schwierig, mit mir zu reisen bzw. zu leben! Naja, finde mal jemanden, der mit Dir fast 4.000 km mit dem Tretroller durch Europa fährt …

Erkenntnis des Tages: www.solocrafting.de